Der Haussegen

Der Haussegen

© Barbara Naziri

 

Die Schabbeskerzen waren fast herab gebrannt. Wehmütig hob Samuel Rosenbaum sein Weinglas in die Höhe, um das Rebenblut zu betrachten, das in seinem Kelch schimmerte. „Lechajm!“, prostete er sich selber zu. „Auf das Leben! Ach, wie sehr fehlt mir meine bessere Hälfte, die Golda, die alten Kumpel, ja, selbst Rabbi Chajm!“, seufzte er. „Gewiss sitzt die ganze Mischpoke in diesem Augenblick an der Tafel und trinkt von dem guten Wein, falls der Rebbe, dieses Schlitzohr, ihn nicht wieder vertauscht hat.“ Schimmerte da etwa eine Träne in seinem Auge? Heimweh, das war’s.

Nun hockte er schon Monate in diesem katholischen Kaff. Es ging ihm gut, auch wenn seine Nachbarn etwas seltsam waren. Wie die Aale hatten sie sich gewunden, weil er sich von ihnen nicht bekehren ließ. Zoff war das letzte, was er wollte, war er doch ein friedlicher Mensch. Darum hatte er sich endlich aufgerafft, um mit ihnen Tacheles zu reden. „Wenn sich der Kaminfeger mit dem Müller prügelt, so wird der Müller schwarz und der Kaminfeger weiß, doch beide bleiben, wer sie sind“, begründete er seinen Standpunkt. Erst schauten sie ein wenig verständnislos aus der Wäsche, denn in der Tat dauerte es hier ein bisschen länger, bis die Botschaft angekommen war. Doch die dicke Luft war darauf gereinigt und an den Freitagen vereinte sich friedlich der Fischgeruch mit dem Duft gegrillten Fleisches. Kleine Freundschaften brachten Licht in den Alltag. Das alte Mütterlein im 1. Stock beglückte Samuel regelmäßig mit einem Napfkuchen, der aussah, wie ein essbarer Zylinder. Und ab und an grillte er gemeinsam mit seinen christlichen Nachbarn, natürlich nicht am Freitag. 

Endlich war auch die geschäftliche Flaute vorüber. Den Pleitegeier hatte er mit vielen blanken Münzen in die Flucht gejagt und alles in allem einen guten Reibach gemacht. Nun dachte er nur noch an die Rückkehr zu seiner Golda und der übrigen Mischpoke. Die Nachbarn nahmen mit einem weinenden und einem lachenden Auge von ihm Abschied. Der schelmische Rosenbaum war ihnen ans Herz gewachsen, obwohl er so etwas wie ein Exot in ihrem Ort war. Andererseits würde freitags nur der Fischduft die Lüfte unsicher machen, und das beruhigte ungemein. Die alte Ordnung war wieder hergestellt.  

„Shmuel!“, jubelte Golda. „Endlich bist Du wieder zu Hause. Lange hätte ich es ohne Dich nicht mehr ausgehalten. Schau, wie viele graue Haare ich bekommen habe. Sag, wie ist es Dir dort unten wirklich ergangen?“

„Nun, Goldaleben, die Menschen dort, sie waren übrigens alle Katholiken, essen sehr oft Fisch. Und das Seltsame ist, sie tun es nicht freiwillig.“

„Wie, nicht freiwillig?“

„Nun, sie haben es mir so erklärt. Da war einmal ein Jude, der hieß Jesus. An einem Freitag hat er alle mit Fisch gespeist, als nichts anderes da war. Und um sich daran zu erinnern, essen alle Katholiken freitags Fisch.“

„Aha. An unserem Schabbes essen sie Fisch.“

„Ja, und das war das Problem. Als ich dort mein Fleisch grillte, wollten sie, dass ich auch Fisch esse.“

„Wie soll das gehen? Du hast doch nicht gehungert.“

„Weil es so lecker roch. Ich meine, das Fleisch roch leckerer als der Fisch.“

„Das verstehe ich nicht. Und darum essen sie Fisch? Sie konnten doch auch Fleisch essen statt Fisch, wenn sie das lieber mögen.“

„Das ging nicht im Angedenken an den Juden.“

„Das ist mir zu hoch, Shmuel. Sie denken an einen toten Juden und essen Fisch. Und wenn ein lebendiger Jude Fleisch grillt, dann wollen sie trotzdem Fisch, obwohl ihnen Fleisch viel lieber ist.“

„Golda, meine Krone, vergiss die Bräuche der Christen. Schau mal in meine Tasche!“

„Oijoijoi; Shmuel! Das ist ja ein Vermögen!“

„Ja, und heute erfülle ich Dir damit einen Wunsch.“

„Shmuel, was für ein Massel!“ Golda wagt auf ihre alten Tage tatsächlich einen Freudensprung, bevor sie Samuel vor lauter Glück die Luft abdreht. „Weißt Du, Ester Weichmann hat sich letztens ein Service gekauft. Feinstes Porzellan und sie gibt an damit wie eine Legehenne. So eins möchte ich auch mit Gravur.“

„Na, dann komm Liebchen. Schauen wir mal, was Dich glücklich machen kann.“

In einem der feinsten Porzellangeschäfte der Stadt sucht sich Golda nach vielem Hin und Her ein teures Ess-Service aus. „Oh Shmuel“, flüstert Golda, „damit steche ich Ester noch aus.“

Bevor die Verkäuferin das Service einpackt, ruft Golda: „Gemach, gemach, Kindchen. Bevor Sie das einpacken, soll noch auf jeden Teller, jede Schüssel und Sauciere groß unser Name eingebrannt werden.“

„Aber gnädige Frau, das geht doch nicht“, sagt die Verkäuferin verdattert.

Da nimmt Golda einen Teller hoch und zeigt auf die Unterseite.

„Das ist in der Tat dreist. Rosenbaum geht nicht, wie? Aber hier steht Rosenthal – das geht?“

 

 

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