Der Sabbatwein

Der Sabbatwein

© Barbara Naziri

 

Samuel Rosenbaum war ein Schelm. Versuchte jemand, ihn übers Ohr zu hauen, wurde er umgehend Ziel seines Schabernacks. Darum hieß es bald in aller Munde:"Pass auf vor Samuels Schabernack, sonst hat er dich recht bald im Sack."

Das sollte Rabbi Chajm bald zu spüren bekommen. Der Rabbi verwahrte in seinem Keller manch guten Tropfen Wein, den ihm seine Schäfchen für die Sabbattage verehrten, freilich, um ihn gemeinsam mit ihrem Oberhaupt zu genießen. Doch Rabbi Chajm, der Schlawiner, dachte keinesfalls daran, dieses kostbare Nass mit anderen zu teilen. So füllte er vor dem Sabbatsegen heimlich einfachen Landwein in eine schöne Karaffe. Den guten Wein füllte er vorsorglich in eine kleine unauffällige Karaffe, die stets in seiner Nähe stand und die ihm allein gebührte. Natürlich fiel den Mitgliedern der Tafel auf, dass der kredenzte Wein mehr Fusel denn ein exzellenter Tropfen war. So manche Braue hob sich unwillig, doch es traute sich niemand, ein Widerwort darüber zu äußern, denn der Rabbi war ein gewitzter Kerl. Um etwaigen Unmut vorzubeugen, sprach er: „Der Ewige schenkt uns diesen edlen Tropfen. Er schmeckt wie das Leben, das wir führen. Ist er süß, haben wir Gutes getan, doch ist er säuerlich, dann ist es an uns, demütig unser Haupt zu senken und darauf zu sinnen, ein besserer Mensch zu werden.“ Dann hob er vergnügt sein Glas und prostete den Gästen zu, die den sauren Wein schluckten wie seine Worte.

Samuel, der regelmäßig an der Tafel Platz nahm und den Rabbi durchschaute, ärgerte sich über dessen Verhalten und sann darüber nach, dem Rabbi ein Schnippchen zu schlagen. Wie es der Zufall im Leben wollte, grenzte der Keller des Rabbi, in dem er auch den Wein verwahrte, nur durch eine dünne Holzwand getrennt, direkt an den seinen. Samuel stellte eines Abends fest, dass ein paar Bretter lose waren. „Das ist ein Zeichen“, dachte er vergnügt. Flugs half er ein wenig nach. Die Bretter lösten sich ohne Schwierigkeiten und er zwängte sich durch den breiten Spalt. Im Halbdunkel entdeckte er ein großes Regal. Hier lagerten die Flaschen des billigen Landweines, den der Rabbi zum Sabbat seinen Schäfchen kredenzte. Doch Samuel wurde alsbald fündig. Hinter dem Regal in einer Nische hatte unser trinkfreudiger Rabbi die herrlichen Tropfen gebunkert, um deren Genuss er die ehrenwerten Mitglieder der Gemeinde regelmäßig prellte. Samuel setzte sich auf eine Holzkiste und dachte nach.

Der begehrte Wein stammte von einem nahe gelegenen Weingut und die Flaschen waren nur einfach verkorkt und mit Wachs versiegelt. Da kam ihm ein guter Einfall. Was lag näher, als den Inhalt auszutauschen und die Flaschen neu zu verkorken und zu versiegeln? Gesagt – getan. Tags darauf besorgte sich Samuel bei einem Winzer Korken und Wachs und machte sich hurtig ans Werk. Die ganze Nacht war er beschäftigt und nachdem er den Durchgang wieder verschlossen hatte, kroch er zufrieden ins Bett.

Am nächsten Sabbatabend versammelte sich die Gemeinde wieder um die Tafel. Die Frau des Rabbiners brachte die Karaffen herein. Wie immer hatte Rabbi Chajm sie listigerweise schon zuvor gefüllt. Nun sprach er den Segen über die Kerzen und nachdem das Brot gebrochen war, hoben seine Schäfchen ihre Gläser. Nach dem ersten Zug ging ein erstauntes Raunen durch den Raum. Welch herrlicher Wein! Was waren sie doch für gute Menschen! Nur Rabbi Chajm kniff die Augen zusammen und verzog die Lippen, denn in seiner Karaffe ging es sauer zu. Wie konnte das sein, fragte er sich immer wieder und hob die Augen gen Himmel. ‚Ich bin ein Pechvogel’, sprach er zu sich selbst. ’Hätte ich Kerzen zu verkaufen, würde die Sonne nicht untergehen.’

Da beugte sich Samuel zu ihm und flüsterte: „Du schaust so leidvoll, lieber Rabbi. Wenn die Mutter nach Zwiebeln riecht und der Vater nach Knoblauch, kann die Tochter nicht nach Rosen duften. Glaube mir, das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken.“

„Oijoijoi“, entfuhr Rabbi Chajm ein Seufzer und er erkannte, dass Samuel ihn durchschaut und mit seinen eigenen Worten geschlagen hatte. „Lechajm, lieber Shmuel, so lass uns den Sabbat in Frieden begehen.“ Wehmütig senkte er den Blick und dachte im Stillen: „Ei, es ist besser den köstlichen Rebensaft miteinander zu teilen, als den Essig.

 

 

 

 

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