Multikulti und nix koscher

Multi-Kulti und die dritte Kerze
© Barbara Naziri

 

Es ist einer dieser eisigen Wintertage, an dem ich gern zu Hause, tief in meinen Sessel gekuschelt ein gutes Buch lese, während Saeid sich auf der Couch entspannt. Doch heute Abend soll im jüdischen Schachar-Theater ein multikulturelles Treffen zwischen Moslems und Juden stattfinden, die ein gemeinsames Programm bestreiten. Das können wir uns nicht entgehen lassen. Das Chanukkah-Fest* soll den Rahmen für einen gemeinsamen Austausch bieten.
In froher Erwartung holen wir Hava ab, die an dieser Veranstaltung aktiv mitwirkt. Bei unserer Ankunft stellen wir fest, dass Parkplätze in direkter Nähe des Komplexes Mangelware sind. Als Saeid gerade in eine schmale Lücke vor dem Eingang des Geländes einparken will, klopft es an die Fensterscheibe.
Eine Passantin ruft uns zu: „Sie wollen doch sicher zu der jüdischen Veranstaltung… Parken Sie bitte woanders, sonst kann bei einem eventuellen Brand die Feuerwehr nicht durch!“
Oh weh, das fängt ja gut an. Ich verkneife mir einen Kommentar, als Havas Stimme aus dem Fond zetert: „Das ist wieder mal typisch deutsch. Wäre es eine stinknormale Veranstaltung, käme kein Kommentar, aber wenn Juden und Ausländer zusammen treffen, heißt es gleich, man müsse sich vor Zündeleien in Acht nehmen.“
Ihr Ausbruch ist nicht unbegründet. Dennoch muss ich ein Grinsen unterdrücken. Sie ist in ihrem Element, wenn sie sich ereifert.
Als wir das Schachar-Theater betreten, überrascht uns der rege Zulauf. Erstaunt schauen wir uns um. Es sind zu viele Karten für diesen relativ kleinen Saal verkauft worden, denn es geht hier zu wie auf dem Basar. Einige Männer schleppen Stühle herein. Saeid, mein aufmerksames Ehegespons und schon ziemlich ’eingedeutscht’, sieht sich pikiert um. „Sämtliche Sicherheitsvorschriften werden wieder mal missachtet“, brummelt er, „die Fluchtwege sind alle versperrt.“ Nichtsdestotrotz sitzen wir als letzte Gäste mit Hava in der ersten Reihe. Den passenden Spruch verkneife ich mir aus guten Gründen. Wir blicken direkt auf die kleine Bühne mit dem Rednerpult, hinter dem sich ein schwerer Vorhang mit dem Motiv des Chanukkah-Leuchters senkt. Das Publikum um uns herum ist bunt gemischt: Türken aller Altersgruppen sowie Juden mit und ohne Kippa. Interessanterweise entdecke ich ein paar Südasiaten und das übliche Publikum, Solidarität zeigend.
Erwartungsvolles Gemurmel dringt aus jeder Ecke. Neugierig mustern sich die Gäste. Leo, einer von Havas „neuen progressiven Mitstreitern“, rollt heran. Er ist klein, rund und lustig. Keck sitzt die Kippa am Hinterkopf. Er scheint in Zahlen zu denken, denn jeder zweite Satz enthält irgendeine Nummer. Sein munterer, nicht gerade leiser Redefluss wird unterbrochen.
Der türkische Professor K. tritt auf die Bühne und hält eine kurze Willkommensrede. Währenddessen hüpft ein Kamerateam unruhig um ihn herum. Der türkische Fernsehsender TRT ist live dabei. Ein Journalist scheint ihm sein Mikrophon in den Rachen stoßen zu wollen. Ich wundere mich, dass Prof. K. nicht zubeißt, denn er fixiert auf das Mikrophon ziemlich grimmig. Der Leiter des Schachar-Theaters erlöst ihn und erklärt den Ursprung des Chanukkah-Festes. Leider holt er sehr weit aus und deutet das unruhige Füßescharen nicht als Alarmzeichen.
Während er noch spricht, höre ich Leo links neben mir leise murren: „Wo ist denn der Chanukkah-Leuchter? Gibt’s etwa keine Chanukkiah? Mensch, es ist doch Chanukkah!“ In unserer Reihe wird es unruhig. Unstete Blicke schwirren durch den Raum. Kaum ist der Redner fertig, saust Leo wie von der Tarantel gestochen quer durch den Raum und sucht eifrig nach dem Leuchter. Immerhin ist heute der dritte Chanukkah-Abend. Tatsächlich wird er fündig und taucht strahlend mit einer Chanukkiah und vier Kerzen auf. Ehrerbietig stellt er den Leuchter auf den Promi-Tisch, an dem Prof. K. und das türkische TV-Team Platz genommen haben. Etwas irritiert starren sie auf den Leuchter, während Leo flugs an seinen Platz zurückeilt, von der ersten Reihe lautstark für seinen Einsatz beglückwünscht. „Tja“, meint Hava lobend, „das ist Leo, unser Kaufmann, immer am Organisieren, immer in Bewegung und immer Talent, alles zu bekommen.“ Hm.
Der Höhepunkt des Abends wird angekündigt: der jüdisch-russische Chor aus Hamburg, zwölf Frauen unterschiedlichen Alters. Die Älteste – sie trägt ein rassiges Flamencokleid – schätze ich so um die siebzig die jüngste höchstens 18 Jahre – nehmen auf der Bühne Aufstellung. Die Kleidung ist ein Hingucker. Keine passt rein äußerlich so richtig zur anderen, was die Individualität der Einzelnen hervorhebt. Während die Mädchen Jeans und Blusen mit Puffärmeln tragen, sind ansonsten in dieser Gruppe alle Kleidungsstücke vertreten, von der Abendgarderobe bis zum Hauskleid. Ich hoffe insgeheim, sie bringen ihre Stimmen auf einen Nenner.

Eine Interpretin tritt hervor. Sie beeindruckt mich besonders. An ihr ist alles kugelrund. Um ihre Rundungen noch zu unterstreichen, trägt sie ein rosarotes Sweatshirt mit großen schwarzen Punkten, eine braune bauschige Hose sowie ein winziges weißes Hütchen, das so aussieht, wie eine holländische Meidje-Mütze. In ihrer Kluft sieht sie aus wie ein zu groß geratener Marienkäfer. Leo beugt sich vor und sieht Hava fragend an: „Ist der Chor kostümiert?“ Hava verzieht das Gesicht und antwortet trocken: „So laufen die immer rum.“ Leo und ich unterdrücken mühsam ein Lachen; doch als wir uns ansehen, prusten wir los. Hava ist das Lachen vergangen. Säuerlich presst sie die Lippen zusammen und betrachtet mit schmalen Augen das weitere Geschehen. Saeid blickt sie schräg an und verkneift sich lieber einen Kommentar. Doch hat er sichtlich Mühe, seine Züge unter Kontrolle zu halten.
Es kommt noch besser. Die Frau im schwarzen Flamencokleid, wohl auch Leiterin des Chors, ordnet das Ensemble neu. Die Gruppe öffnet sich. Jede Einzelne hält zur anderen akkurat einen Abstand von einem Meter. „Nun singen wir“, wird angekündigt. Wer sollte das auch vermuten? Chanukka-Kinderlieder werden angestimmt. Nun weiß ich auch, wofür der Abstand dient. Zwecks fehlender Kinder werden die Akteure nun übermütig und um Jahre jünger. Sie klatschen in die Hände, falten sie über dem Kopf, drehen sich mit entrücktem Lächeln in Zeitlupe, mal nach rechts, mal nach links. Mit einer Art Freudensprung wird die Darbietung beendet. Seniorengymnastik kann kaum unterhaltsamer sein.
Das Flamencokleid tritt an den Bühnenrand. Ich erwarte einen Solotanz. Doch stattdessen fordert sie das Publikum nachhaltig auf, die eben vorgetanzten Figuren nachzuahmen. Damit steht sie aber ziemlich im Regen. Weder Jude noch Moslem rühren sich von der Stelle. Das Publikum sitzt mit ausdruckslosem Gesicht bewegungslos da und möchte übersehen werden. Es ist, als halte ein Geschick die Zeit an. Das Gesicht von Hava gleicht einem aufgeschlagenen Buch. Ich unterlasse das Lesen darin und quäle meinen Lachreiz, der mir keck die Kehle emporklettert, gewaltsam wieder hinunter. „Die kriegen ihre Auftritte womöglich bezahlt“, murmelt sie unversöhnlich, während ihre Blicke Flammen schießen. Die Darbietung ist zu Ende. Unsere Beherrschung auch. Leo, Saeid und ich lachen aus vollem Halse – und endlich fällt auch Hava mit ein. Um uns herum hat sich die Stimmung gehoben. Als komische Nummer ist die Gruppe ein Knaller.
Der türkische Chor schreitet graziös auf die Bühne. Im Gegensatz zu der vorherigen Darbietung haben die Sänger und Sängerinnen ihre Kleidung aufeinander abgestimmt. Sie haben sich in einer Reihe halbseitig zum Publikum aufgestellt und singen alttürkische Lieder. Dabei hat jeder die linke Hand in die Hüfte gestemmt und den rechten Arm leicht angehoben, während der Zeigefinger auf uns weist, als wollten sie uns schelten. Im Hintergrund spielen die Musikanten Sas und Trommel. Nacheinander treten zwei Solisten aus der Reihe nach vorn. Sie verfügen über ein endloses Repertoire an Liedern.
Saeid stößt mich zaghaft an. „Wollen die etwa alle noch einzeln vorsingen?“ fragt er mit verhaltener Stimme. Eine steile Falte bildet sich auf seiner Stirn. Oha, den Ausdruck kenne ich. „Was weiß ich“, raune ich ihm zu, „ich habe kein Programmheft.“ Er knetet seine Hände und blickt angestrengt auf die Bühne. Erste Reihe. Dumm gelaufen. Zu früh gejubelt! Ach, wie beneide ich die letzte Reihe, die sich unauffällig verdrücken kann. Ich will nicht gemein sein. Immerhin haben die Sänger klare Stimmen. Aber die ungewohnte Musik kriecht mir den Nacken rauf und runter. Augenscheinlich ist jeder Interpret vom eigenen Auftritt so begeistert, dass er sich am liebsten selbst applaudieren würde. Mit dem befriedigten Ausdruck im Gesicht: ’Denen habe ich es aber wieder mal gegeben’, rauschen sie zurück in die Reihe der übrigen Sänger. Endlich. Der letzte Sänger kommt gemäßigten Schrittes nach vorn und blickt huldvoll ins Publikum. Leider hat er vergessen, sein Preisschild von der neuen Jacke zu entfernen – Barisal von Karstadt – den Preis nenne ich aber nicht. Saeid findet diese Einlage am besten. Plötzlich wird Leo unruhig und rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Mal beugt er sich vor, starrt dann wiederholt sichtlich angestrengt nach rechts zum Promi-Tisch, versucht sich abermals auf den Sänger zu konzentrieren. Was hat er denn nur? Inzwischen stiert auch Hava immer öfter nach rechts, und ich folge ihrem Blick in jene Ecke. Die Chanukkah-Kerzen!!!
Am Promi-Tisch, auf dem Leo den Leuchter zurückließ, geschieht ein Kulturirrtum. Der türkische Kamera-Mann hat – in Unkenntnis jüdischer Tradition und weil er sich wohl auch kulturell beteiligen möchte – die Kerzen recht eigenwillig auf dem Leuchter drapiert: eine rechts, die andere links, eine in der Mitte und hat nun augenscheinlich Probleme, die vierte ästhetisch zu arrangieren. Er bückt sich, blickt unter den Tisch, sieht in alle Ecken und sucht augenscheinlich nach weiteren Kerzen. Entschlossen blickt er ins Publikum und ahmt mit der Hand fragend die Gebärde eines Feuerzeuges nach. Von jüdischer Seite wird er irritiert aber schweigend gemustert. Ein paar Türken, die sich angesprochen fühlen, schütteln bedauernd die Köpfe. Niemand scheint ein Feuerzeug zu haben.
Der Chor hat mit Stolz geschwellter Brust das letzte Lied zu Ende gesungen, da saust Leo wie eine Bowlingkugel nach vorn, greift sich den Leuchter und bringt ihn, fest an die Brust gepresst, in Sicherheit, gefolgt von den verdutzten Blicken der dort Sitzenden. Die Unwissenheit am Promi-Tisch hätte beinahe zu einem Malheur geführt, denn Chanukkah-Kerzen zündet man niemals mit einem Feuerzeug an.

So, die Chanukkiah ist in Sicherheit. Leo macht seine Ansage: „Es ist Chanukkah. Wir wollen nun endlich den Segen über die Kerzen sprechen.“
Der Leuchter** wird auf das Klavier gestellt, damit nicht wieder etwas schief läuft. Leo und Hava gehen nach vorn und drapieren das Kunstwerk des Kameramannes um. Während Hava das angezündete Schamasch-Licht in der Hand hält, sprechen sie die Segenswünsche, und nach jedem Segen wird ein Licht entzündet, bis alle drei Kerzen brennen.
Heute ist der Abend der dritten Kerze. Aber woher soll unser hilfsbereiter Türke das wissen? So vermittelt der Kulturaustausch heute Abend Moslems und Christen in der Praxis, wo es lang geht. Eine Klavierspielerin spielt auf und der jüdische Chor rottet sich wieder zusammen, um Maos Zur zu singen: “Gott ließ mich das Allerheiligste seines Tempels betreten, aber auch dort kam ich nicht zur Ruhe, denn es kam der Feind und brachte mich ins Exil, weil ich anderen Göttern gedient hatte. Er mischte mir vergifteten Wein…“ Welch ein Genuss uns danach erwartet, wird in dem Lied verschwiegen. Hava kann nicht rechtzeitig von der Bühne weichen und muss mitsingen. Kaum ist der Chor verstummt – wutsch – sitzt sie wieder auf ihrem Platz, als hätte sie nie dabei gestanden. Dabei war sie die am besten angezogene Frau!
Unser jüdischer Chor ist mittlerweile in Hochform und bringt vergnügt eine Zugabe. Nach türkischem Vorbild sind nun die Einzelinterpreten gefragt. Ein Tanzlied wird angekündigt. Das Kontrastprogramm wird besonders durch die Kleidung der Dame im Abendkleid und den zwei in Jeans gewandelten Teenagern hervorgehoben, die nun aus voller Kehle singen. Verzückt schließt das Abendkleid die Augen, Wir sehen sie trotzdem. Und hören. Mancher Ton verabschiedet sich paternosterartig im Keller, wo er unauffindbar bleibt. Saeid blickt verzweifelt zu Boden. Hava grummelt zornig und Leo starrt die Decke an. Soviel zur Spontaneität eines Überraschungsparts.
Um den Kellergesang wieder gutzumachen, folgt eine Tanzeinlage der drei Akteurinnen, angeführt vom Abendkleid. Sie reihen sich hintereinander und umwackeln die Bühne einmal im Gänsemarsch. Dann breiten sie die Arme aus, als wollten sie abheben. Mit ausdrucksloser Miene betreten sie das Podium und schreiten es auf und ab. Die Drei wirken wie der Pokerklub Big Blind, während sie dem Publikum das Gesicht zuwenden und ab und zu mit den Armen wedeln. Doch leider hat keine ein As im Ärmel. Saeid flüstert: „Wie Legehennen sehen sie aus!“ Na, immerhin eine andere Sichtweise. Giftig zischt es von Havas Seite: „Hach, das ist der russische Einfluss. Soldaten marsch, und bloß keine Emotionen zeigen.“ Ich beiße meine Belustigung in die Lippen.
Nun singt mein Marienkäfer sein Solo. Steif mit unbewegtem Gesicht schmettert sie ein melancholisches Lied und - ich bin überrascht - sie hat tatsächlich eine nette Stimme. Ich bewundere ihren Mut zur Käfermode und dem Sahnehäubchen auf ihren Locken, das ihr während des Gesangs immer tiefer in die Stirn rutscht. Doch sie lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Ich klatsche diesmal aus Überzeugung, während mein Käfer die Bühne lustlos heruntertaumelt und sein Häubchen geraderückt.
Die Bauchtanznummer fällt aus, weil die Tänzerin sich drückte. Befürchtete sie etwa, der jüdische Chor würde mittanzen? Mich zumindest hätte eine Überraschungseinlage nicht verwundert. Nun bearbeitet ein amerikanischer Jude intensiv ein Cello. Sein Spiel haut uns nicht gerade vom Hocker. Ich hoffe, er ist nicht nur deswegen aus Amerika gekommen. Das Publikum im kulturellen Linksaußenblock gähnt unverhohlen.
Mittlerweile ist hinten ein Kaltes Buffet aufgebaut. Das Publikum schielt immer offensichtlicher zu dem immer kälter werdenden koscheren Essen und den türkischen Köstlichkeiten. Unruhiges Füßescharen. Die Gäste stehen in den Starthufen.

Die rosaroten Wölkchen der frohen Erwartung lösen sich in Wohlgefallen auf. Der Intendant des Schachar-Theaters kündigt vergnügt eine Geschichte an: „Chanukkah-Geld“. In der Tat trägt er sie anschaulich vor. Doch der Hörgenuss ist getrübt nach zwei Stunden Kontrastprogramm. Er wird zur Qual, denn die Erzählung zieht sich endlos wie ein Tausendfüßler und zieht das Publikum in ein bodenloses Loch. Die Gesichter der anwesenden Türken zeigen jene Höflichkeitsstarre des Orients, nämlich nicht laut aufzuschreien und aus dem Raum zu türmen. Immerhin ist es ja ein kultureller Austausch und keine Kriegserklärung.
Zur Verständigung trägt die Geschichte weniger bei. Sie ist gespickt mit jüdischen Ausdrücken, die nur ein Insider versteht. Inhaltlich sind zwei gewiefte Gören hinter dem Festgeld – oder auch Chanukkah-Geld – her. Das gehört zur jüdischen Tradition, betont der Intendant, wie das Bayramgeld der Türken. Die Türken verstehen nur Bayram*** und blicken sehnsüchtig auf das Buffet. Auf Chanukkah-Geld, fährt der Intendant unbeirrt fort, freut sich jedes jüdische Kind, und dafür werden sämtliche Verwandten angezapft. Saeid ist das egal. Er ist eingenickt und röchelt leise. Ich stupse ihn an. Erschrocken fährt er hoch. Neben mir entsteht unwilliges Gemurmel. Die erste Reihe ist in Aufruhr. Leo und Hava werden immer lauter und zeigen deutlich dem Intendanten ihren Unmut. Beide finden die Geschichte zu lang und unangemessen. Der Intendant bekommt hektische Flecken im Gesicht und einen panischen Blick. Er redet nun schneller. Nur noch der harte Kern kann ihm folgen, der die Geschichte ohnehin schon kennt. Endlich ist sie zu Ende. Ein Aufseufzen geht durch das Publikum, das verzweifelt applaudiert. Hava schimpft: „Wieder mal typisch! Als wenn Juden nur hinter dem Geld her sind! Habt ihr das Wort Chanukkah-Geld gezählt?“
Nee, haben wir nicht, denn wir sind restlos erledigt. Mit letzter Kraft stürzt alles zum Kalten Buffet. Die Sportler sind zuerst da und weichen nicht zur Seite. Von hinten drängeln ungeduldig die Kleinen. Es wird geschoben und gedrängelt. So nah war man sich nie. Schnell ist man im Gespräch.
„Kann ich mal die Gabel haben?“
„Da hinten steht noch ein freier Teller. Kommen Sie da an?“
„Oh, Börek ist aus!“
„Bitte etwas Auberginen mit Schafskäse!“
„Aua, das war mein Fuß.“
„Schöner Abend, viel los hier.“
„Darf ich mal bitte durch?“
Prof. K. hat sich zu Hava durchgekämpft. An ihm klebt untrennbar der Kameramann. „Ich hätte da eine Frage zu den Chanukkah-Kerzen…“
Endlich hat es der Cellist an das Buffet geschafft. Ihm bleibt ein einsames Salatblatt, das ihm von der blank geputzten Platte entgegenlächelt.
Tja, manchmal ist weniger tatsächlich mehr. Dennoch haben wir einiges mit nach Hause genommen - und damit meine ich nicht die Leckereien vom Buffet.



*Lichterfest (Dezember/Januar). Chanukkah heißt Neueinweihung und ist zurückzuführen auf die Zeit, als die seleukidischen Syrer unter ihrem König Antichos IV. Epiphanes die Ausübung der Religion im Wesentlichen verboten. Sie versuchten, den Juden das heidnische Hellenentum aufzuzwingen. Gefeiert wird der Sieg des Judas Makkabäus und seiner vier Brüder über die Seleukiden-Dynastie von Syrien im Jahr 165 v. Chr. Ihnen wurde versprochen, wenn ihr es schafft, 8 Tage im Tempel Feuer zu halten, erlauben wir euch eure Religion. Sie hatte nur etwas Öl, aber sie hielten es 8 Tage in Gange. Sie schafften es tatsächlich. Danach wurde der Tempel von unten bis oben gesäubert, gereinigt und neu geweiht. Chanukkah-Lichter werden darum nicht nur mit Kerzen, sondern auch mit Öl entzündet.
**Die Chanukkiah ist ein achtarmiger Leuchter, vorn mit einem extra Platz für den Schamasch (den Diener), in den man die neunte Kerze steckt. Die Lichter entzündet man sobald als möglich bei Nachtbeginn mit dem Schamasch-Licht. Am ersten Abend des Chanukkah wird nur ein Licht angezündet – das erste rechts außen. Am zweiten Abend das zweite daneben usw. bis am achten Abend alle acht Lichter entzündet werden.
*** Opferfest

 

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