Tausendund(k)eine Nacht

 

Tausendund(k)eine Nacht

© Aramesh

 

Goldener Becher funkelt im Licht

der Sterne, das nur der Mondstrahl bricht.

Roter Wein warm durch die Kehle rinnt,
ein Schatten huscht wie ein Dschinn1 geschwind,

entzündet ein Räucherpfännchen fein,

die Öllampe brennt mit orange-rotem Schein.

Leise tönt von fern der Klang der Ney2.

'Ach Liebster, heut sind wir sorgenfrei!',

flüstert sanft die blumige Schöne.

Streck dich aus, dass ich dich verwöhne!

***

Ein Wispern, ein Raunen geht durch die Nacht:

Scherezad’ hat neue Märchen erdacht.

Sie sitzt auf dem Diwan und lächelt zart,

Sehnsucht im Blick, doch ihr Wille ist hart.

Sie meistert die Lage, wird alles geben,

denn Nacht für Nacht bangt sie um ihr Leben.

Roter Mund, mit dem sie lockend spricht

von Liebe, wenn ihr das Herz auch bricht.

Sie lässt den Blick in die Ferne schweifen ...
Oh Kismet3, wie bist du schwer zu begreifen!

***

Im Harem brennen tausend Kerzen,
das Spiel der Tar4 entflammt die Herzen.

Sinnlich wiegt sich im Schleiertanz

die Sklavin und entblößt sich ganz.

Und dort in dem verschwiegenen Garten

will Schilan auf Abdullah warten.

Es klingt der Ruf der Nachtigall,

nach Rosen duftet es überall.

Aus dunklem Auge glimmt das Feuer,

Geliebte, wie bist du mir teuer!

flüstert der Jüngling liebestrunken.

Heiß brennt in seinem Herz ein Funken.

Über beiden ein samtblaues Sternenzelt,

ein Weltdach, das schützend die Liebenden hält.

***

Ein Glöckchen klingt leis’ in der Wüstenei,

es ziehen Karawanen vorbei

die Seidenstraße entlang durch den Sand,

mit Waren kostbar aus fernem Land.

Ein Trugbild zeigt sich am Horizont,

die Fata-Morgana - sie führt gekonnt

manch müden Wanderer ins Verderben,

und lässt ihn im Meer des Sandes sterben.

Dattelpalmen schwingen sanft im Wind,

Kamele bringen die Reiter geschwind

zu Palästen, aus glänzendem Marmorstein,

so herrlich und fein wie aus Elfenbein.

 ***

Jasminblüten schwängern die heiße Luft

mit ihrem atemberaubenden Duft.

Zikaden zirpen am Wegesrand,

so friedlich wirkt hier das Morgenland.

Wehmütig blickt Scherezad’ in die Ferne.

Am Himmel verblassen langsam die Sterne,

darunter die Erde verbrannt und geschändet,

der Glaube dahin, dass alles gut endet.

Nach wie vor muss sie um ihr Leben bangen,

nach wie vor ist sie in Fesseln gefangen.

Ihr Mund ist verschlossen ohne Wahl

und Märchen empfindet sie als Qual.

In ihr starb die Hoffnung - wie es auch sei:

Mit Tausend und einer Nacht ist es vorbei.

 

1-Dschinn=Geist,
2-Ney=Rohrflöte,
3-Kismet=Schicksal,
4-Tar=Saiteninstrument

 

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