Vorrede zur Lesung: Rüdiger Nehberg, der Menschenfreund

Rüdiger Nehberg, der Menschenfreund
von Barbara Naziri
 

Als Vorredner für ANTASTBAR konnte ich mir niemand anderen als Rüdiger Nehberg vorstellen. Er lebt uns ein Leben vor, von dem mancher nur träumt. Er überquerte den Atlantik auf einem Baumstamm, schlug sich halbnackt durch den Dschungel und züchtete Larven in seinen Wunden. Mindestens 22 Mal entging er knapp dem Tod. Rüdiger, der Abenteurer, der Survival, der Welteroberer, der liebe Freund.
Rüdiger Nehberg ist für Alt und Jung gleichermaßen Vorbild und erweckt den Vorsatz, die Welt zu verändern. Denn weit über die Abenteuer hinaus stellt er sich als Werkzeug der Menschenwürde zur Verfügung und kämpft um die Rechte derer, die keine Stimme mehr haben oder die man mit einem Achselzucken beiseite wischt wie ein lästiges Insekt.
Also setzte ich mich hin und schrieb Rüdiger einen Brief, in dem ich ihm von unserem Buchprojekt erzählte. Die Antwort kam prompt. Er forderte das Manuskript an und bald darauf erhielt ich das ersehnte Vorwort.

Der Austausch mit ihm hat mich sehr berührt. Beeindruckend war für mich seine Antwort, als ich ihn fragte, wie er es geschafft habe, im Regenwald das Vertrauen der Indianer zu gewinnen, ohne Sprachkenntnisse und vor allem ohne Angriffe. "Weißt Du", lächelte er, "ich bin eine Woche lang nur in einer Unterhose durch den Urwald gelaufen und habe Mundharmonika gespielt. Da haben die Indios verstanden, ich bin harmlos, vielleicht sogar doof." Er hat unter ihnen gelebt und sogar ein wenig ihre Sprache gelernt, um ihnen zu helfen. Denn die Sprache ist das Instrument, das uns Brücken baut. Als ich ihn weiter fragte, woher er diese Energie in seinem Alter noch nähme, antwortete er: "Das Glück in den Augen der Menschen, denen ich helfen konnte, gibt mir Kraft. Ach, hätte ich nur 30 Jahre früher angefangen."

Unermüdlich ist er dabei, neue Wege zu beschreiten. Sein Projekt TARGET, das er mit seiner Frau Annette Weber im Jahre 2000 gründete, richtet sich hauptsächlich gegen die Genitialverstümmelung von Frauen und Mädchen. Täglich werden 8000 Mädchen ihrer Genitalien und damit ihrer Würde beraubt. Alle elf Sekunden eins. Weltweit sind 150 Millionen Frauen betroffen. Vorrangig wird die Beschneidung in afrikanischen Ländern begangen – in einigen bereits seit über 5000 Jahren, unabhängig von Religion und Volkszugehörigkeit. Leider wird die weibliche Genitialverstümmelung unrichtig mit Heiligen Schriften und religiöser Pflicht begründet. So sind die meisten Opfer Musliminnen und nur der Dialog mit dem Islam, den Rüdiger Nehberg konsequent und unvoreingenommen führte, hat in vielen Regionen diesen blutigen Brauch beendet. TARGET hat diesem Verbrechen an der Menschenwürde den Kampf angesagt, jedoch nicht mit Waffen, sondern mit Worten und Überzeugungsarbeit. Ein passender Name: TARGET – das Ziel.
Und es gibt Erfolge zu verbuchen. TARGETs „PRO-Islamische Allianz gegen Weibliche Genitalverstümmelung“ (PIA) hat das Ziel, den Brauch in allen Ländern als unvereinbar mit dem Koran und der Ethik des Islam, als Diskriminierung des Islam, zur Gottesanmaßung und zur Sünde zu erklären. Im Laufe der Zeit haben sich hochrangige islamische Autoritäten dieser Allianz angeschlossen, vor allem auf der Azhar-Universität in Kairo. Doch damit ist es nicht genug. Rüdiger Nehberg verbindet mit TARGET eine Vision. Er möchte den Azhar-Beschluss in alle Moscheen der Welt zu tragen, um abschließend das Verbot weiblicher Genitalverstümmelung in Mekka verkünden zu lassen. Zum Wohle der Frau. Zur Ehre des Islam. Zum Lobe Allahs. Und nicht zuletzt als Rüdiger Nehbergs Dank an die hochkultivierte islamische Gastfreundschaft. Zweimal rettete sie ihm und Freunden das Leben. Darin sieht er seine Verpflichtung.
So betreibt TARGET bei den Afar in Äthiopien ein mobiles Hospital, betreut zwei Afar-Mädchen als Patenkinder und initiierte in Mauretanien ein Näherinnen-Projekt für arbeitslos gewordene Beschneiderinnen. Weiterhin werden die Waiapí-Indianer im brasilianischen Regenwald mit einer Krankenstation unterstützt.
All das wird ausschließlich von Spenden finanziert. Die Kraft von TARGET basiert auf einem Kreis von Förderern. Zur Seite TARGETs steht ein hoch qualifizierter Beraterstab: Vertreter der Azhar-Universität in Kairo und islamische Autoritäten in Afrika, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, das Auswärtige Amt, die deutschen Botschaften, Prof. Dr. Udo Steinbach, ehemaliger Leiter des Deutschen Orient-Instituts Hamburg und jetziger Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien, sowie viele Ärzte.
Rüdiger Nehberg nimmt jede Hürde. Worin liegt das Geheimnis seines Erfolges? Er klagt nicht an, sondern sucht den Dialog mit Religionsführern – wie zum Beispiel den Großmuftis in Ägypten – nicht etwa nach westlichen Maßstäben. Und was wichtig ist, er zollt ihnen Respekt. Das öffnet ihm die Türen und vor allem die Ohren. Man hört ihm zu, denkt darüber nach – und verändert.
Trotz seiner Erfolge ist Rüdiger Nehberg authentisch geblieben, bescheiden und zugleich ein großartiger Mann, in dessen Herz viel Menschenliebe, Verständnis und Güte zu finden sind. Mit seinen 76 Jahren wird er nicht müde, sich immer wieder zu engagieren. Rüdiger hat mir verraten, sein innigster Wunsch sei es, einmal Mekka zu sehen und dort mit den ’Muftis’ gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Ich wünsche es Dir von Herzen, lieber Freund.

 

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