Osterhasenfelix -2

II. Wie Felix mit der Traumsuse reiste und sein Ohr verlor

Der Herbst war längst vergangen und auch der Winter wollte sich bald verabschieden. Felix schwang inzwischen geschickt den Pinsel und die Eier wurden zu richtigen Kunstwerken. Eines Tages sagte die Wurzelmarie: „Ich bin sehr zufrieden mit Dir. Du warst mein bester und fleißigster Schüler und bist, obwohl noch jung an Jahren, ein Meister in der Ostermalerei geworden. Nun möchte ich Dir einen Wunsch erfüllen.“

Felix wurde rot bis zu den Ohrenspitzen, so sehr freute er sich über das Lob. „Mein größter Wunsch ist es, die Menschenkinder zu sehen“, sagte er nach einer Weile.

„Das ist kein leichtes Unterfangen für einen Osterhasen“, antwortete die Wurzelmarie. „Osterhasen wirken im Verborgenen und sollten sich vor den Menschen verstecken, denn sie leben in einer anderen Welt als wir Wald- und Wiesenbewohner.“

„Ich kann mich gut verstecken“, antwortete Felix. „Sie müssen mich ja nicht zu Gesicht bekommen.“

„Hm. Lass mich nachdenken. Die Leute aus dem Dorf holen mich hin und wieder zu sich und bitten mich um einen Heiltrank. Das geschieht tagsüber und es ist nicht ratsam für Dich, in die Dörfer zu gehen. Du musst wissen, es gibt Menschen, die essen auch Fleisch, und ein Hasenbraten käme ihnen vielleicht gelegen.“

Erschrocken sah Felix sie an. „Sie essen Fleisch wie der Fuchs und der Wolf?“

„Ja, Felix, wie der Fuchs und der Wolf. Und die Menschen im Dorf sind arm.“

„Und die Kinder? Würden die mich auch essen?“

„Eher nicht. Sie sehen die Welt mit anderen Augen.“

Ein lautes Klopfen unterbrach sie. Als Wurzelmarie die Holztür knarrend aufschob, zog ein eisiger Wind in die warme Hütte. Wie ein Schatten schlüpfte eine schmale Gestalt herein und stellte sich sofort an den Ofen.

„Hui, ist das kalt!“, stieß sie hervor und man hörte deutlich die Zähne aufeinander schlagen.

„Willkommen, Traumsuse!“, rief die Wurzelmarie. „Dich habe ich ja lange nicht gesehen.“

„Ja, bei diesem Wetter jagt man auch keine Maus vor die Tür. Aber ich muss meine Arbeit machen und den Kindern nachts schöne Träume schenken. Heute war ich in der Gegend und dachte, ich schaue mal vorbei.“

Die Traumsuse war dünn wie ein Stock. Sie hatte lange rote Haare und Augen so grün wie Smaragde. Auf dem Kopf trug sie einen bunten Hut und ebenso schimmerte ihr Gewand in allen Farben des Regenbogens. Wurzelmarie brachte ihr eine dampfende Tasse Waldkräutertee. Traumsuse wärmte sich daran die Hände und schlürfte behaglich die gelbgrüne Flüssigkeit. Während Wurzelmarie ihr lächelnd zusah, kam ihr eine Idee.

„Sag mal, Traumsuse, wenn Du heute Nacht die Kinder besuchst, kannst Du Felix auf die Traumreise mitnehmen? Es ist sein größter Wunsch, Menschenkinder zu sehen und da er mein bester Schüler ist, hat er sich eine Belohnung verdient.“

Die Traumsuse betrachtete Felix lange und in ihren Augen spiegelten sich viele Geschichten. „Warum nicht?“, lächelte sie. „Aber Du musst hübsch leise sein und darfst mir die Kinder nicht wecken.“

Felix machte einen großen Hüpfer vor Freude und tanzte ausgelassen um den großen Küchentisch. „Juhu! Ich werde Menschen sehen!“, rief er ein ums andere Mal.

„Nun, dann zieh Dich schon mal dick an. Es geht gleich los.“

Kurz darauf standen sie vor der Tür. Mittlerweile war es stockfinster. Gerade als Felix überlegte, wie sie in dieser Dunkelheit vorankommen würden, ohne zu stolpern, zog die Traumsuse einen großen Schirm hervor, spannte ihn auf und stellte ihn umgedreht auf den Boden.

„Komm setz Dich hinein“, sagte sie zu ihm. „Dieser Schirm wird uns fliegen.“

Kreisend berührte sie den Griff und murmelte:

„Hört mich, ihr Geister der Winde,
kommt zu mir aus Meeren und Bäumen,
hebt mich in die Lüfte geschwinde,
d
enn ich bringe Kinder zum Träumen.“

Wie von Zauberhand erhob sich der Schirm und bald schwebten sie über dem Wald. Nie war Felix dem Himmel so nahe gewesen. Die Sterne blinkten staunend auf die seltsamen Reisenden und Vater Mond nahm überrascht seine Pfeife aus dem Mund. Einen fliegenden Hasen hatte er auf seine alten Tage noch nicht erlebt.  

„Seit wann reist Du mit einem Hasen?“, fragte er die Traumsuse.

„Das ist Felix, ein neuer Osterhase, Vater Mond! Er ist sehr fleißig und wünscht sich, die Menschenkinder zu besuchen.“

„Dann werden wir euch leuchten“, lächelte der Mond und rief die Sternenkinder herbei, damit auch sie den Reisenden ihr Licht schenkten. Bald tauchte in der Ferne eine Stadt auf und die Traumsuse lenkte den Schirm auf ein Haus. Wie von selbst öffnete sich ein Fenster und sie schwebten hinein. Der Mond lenkte seinen Schein zu einem Bett, in dem ein schlafendes Mädchen lag, das einen Stoffbären fest umschlungen hielt. Die Traumsuse stellte sich an das Kopfende und drehte ihren Schirm, auf dem viele Bilder zum Leben erwachten und sprach:

„Bunte Kinder schwarzer Nacht,
die den Schlaf beleben,
gebt mir auf den Schläfer Acht,
lasst uns Träume weben.“

Da sah Felix ein Lächeln auf dem Gesicht des schlafenden Mädchens. 

„Was träumt sie gerade?“, fragte er leise.

„Oh, sie ist heute Nacht im Feenland zu Besuch. Dort streift sie mit den Waldelfen über eine Wiese und windet sich einen Blumenkranz. – Nun komm, lieber Felix, wir müssen weiter. Ich muss noch viele Kinder besuchen.“

In dieser Nacht sah Felix viele Menschenkinder und eine große Sehnsucht überkam ihn. Auch er wollte sie glücklich machen, wie es die Traumsuse tat. Als sie das letzte Kind mit einem Traum beschenkt hatte, machten sie sich auf den Rückflug.

„Du schaust so nachdenklich, Felix“, sagte die Traumsuse.

„Ach, ich würde den Menschenkindern auch so gern etwas schenken“, seufzte er.

„Aber das kannst Du doch“, lächelte sie. „Bald ist Ostern. Das ist Deine Zeit. Dann versteckst Du die bemalten Eier. Während ich die Kinder im Traum beglücke, tust Du es, wenn sie wach sind. Du machst sie gleich doppelt glücklich, zum einen durch die Freude am Versteckspiel und zum anderen mit der Belohnung, die sie dann finden.“

„Oh, ich kann es kaum erwarten!“, jubelte Felix.

Während sie in ihrem Schirm zur Wurzelmarie zurückflogen, kam ein Schneesturm auf. Der Schirm wurde wie ein Spielzeug hin und her gewirbelt. Krampfhaft hielten sie einander umklammert. Doch die Zaubersprüche der Traumsuse stahl der Wind von ihren Lippen, sodass sie ungehört verhallten. Der Schirm ließ sich nicht mehr steuern, geriet ins Trudeln und landete unsanft auf einer Waldlichtung.

„Es bleibt uns nichts übrig“, sagte die Traumsuse zu Felix. „Wir müssen zu Fuß durch den dunklen Wald. Das ist nicht ungefährlich. Hier ausruhen können wir nicht, sonst erfrieren wir. Außerdem treibt hier ein Schrat sein Unwesen.“

„Was ist ein Schrat?“, fragte Felix erstaunt.

„Das ist ein Waldgeist. Eigentlich sind Schrate ganz friedlich. Doch dieser ist böse und nur der Frühling kann seine Macht brechen.“

So kämpften sie sich durch die verschneiten Waldwege. Sie waren bereits ein Stück Wegs gegangen, als plötzlich von einem Baum ein seltsames Geschöpf sprang. Seine Gestalt war lang und grau. Statt Hände hatte sie lange Krallen und die Füße waren wie Wurzeln geformt, so als sei ein vertrockneter Baum zum Leben erwacht. Der Kopf glich einer riesigen verschrumpelten Kartoffel und die kleinen roten Augen darin musterten sie bösartig. Als die Gestalt zu sprechen anhub, klang ihre Stimme wie splitterndes Eis.

„Was sucht ihr hier in meinem Wald? Habe ich euch etwa erlaubt, ihn zu betreten?“

Erschrocken rief die Traumsuse: „Du bist es, Frostbeißer! Wieso Dein Wald? Der Wald gehört uns allen. Du kennst mich. Ich bin die Traumsuse. Mein kleiner Begleiter ist der Osterhasen-Felix. Wir sind mit meinem Schirm in einen Schneesturm geraten und hier gelandet. Lass uns ziehen.“

„So einfach kommt ihr mir nicht davon. Ich dulde keinen Warmblüter in meinem Wald. Wollt ihr hindurch, erwarte ich ein Pfand von euch, sonst lasse ich euch erfrieren.“

Felix schlug das Herz bis zum Halse. So grausig sah der Geist aus, dass er ihn kaum anzusehen wagte. Krampfhaft hielt er sich am Rockzipfel der Traumsuse fest und hoffte, Frostbeißer würde ihn übersehen. Da schnellte dieser hervor und griff mit seinen Krallen nach Felix Ohren.

„Der Osterhasen-Felix bist Du also“, lachte er höhnisch und die Eiszapfen an den Ästen begannen zu klirren, als wollten sie in das Gelächter einstimmen. „Ich frage nicht lange und nehme mir, was mir gefällt“, fuhr er fort, „denn in meinem Wald bin ich der Herr.“ Und ehe sich Felix versah, hatte der Schrat ihm wie mit Zauberhand sein rechtes Ohr vom Kopf gepflückt. Das ging so schnell, dass es nicht einmal wehtat.

„Bitte Frostbeißer, gib mir mein Ohr zurück“, weinte Felix. „Ich bin doch ein Hasenjunge und muss im Frühling den Kindern die Ostereier bringen. Was werden sie sagen, wenn ich als einohriger Hase zu ihnen komme?“

„Sei froh, dass ich Dir nicht beide Ohren genommen habe, Einohrhase!“, brüllte der Frostbeißer lachend. „Außerdem wirst Du keine Schmerzen haben. Dafür habe ich gesorgt, wenn Du mir schon Dein Ohr überlässt.“

„Auf ein Wort noch“, rief die Traumsuse, die entsetzt dabei gestanden hatte und nun ihre Sprache wieder fand. „Was willst Du denn mit dem Hasenohr?“

„Oh, für mich hat es magische Kräfte. Als Amulett dient es mir allemal.“ Doch die Traumsuse gab nicht auf.

„Gibt es eine Möglichkeit, das Ohr vom Osterhasen-Felix zurück zu erlangen?“

„Du meinst wohl den Einohrhasen“, höhnte der Frostbeißer. „Nur wenn der Frühling erwacht, kann er sein Ohr zurück erlangen. Doch diesmal wird das nicht geschehen. Nun trollt euch davon und hofft nicht auf den Frühling: Ich werde über ihn wachen, damit er schön lange schläft.“

 

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