Osterhasenfelix-3

III. Wie Felix und der Frühling sich gegenseitig beschenkten

© Barbara Naziri

 

Als sie bei der Wurzelmarie eintrafen, erschrak sie bei Felix Anblick. Felix aber setzte sich auf die Ofenbank und vergoss bittere Tränen und kein Trostwort konnte ihn aufheitern. Da strickte ihm die Wurzelmarie eine bunte Kappe mit einem Frühlingsmuster.

„Sei nicht mehr traurig“, bat sie den Osterhasenjungen. „Noch ist nicht alles verloren. Was vermag der Frostbeißer gegen die Macht des Frühlings zu verrichten? Alle Bewohner des Waldes werden Dir helfen, damit Du Dein Ohr zurückbekommst.“

Da siegte die Hoffnung in seinem Hasenherzen. Er setzte sich auf sein Schemelchen und begann, Eier zu bemalen. Erst bemalte er sie mit fröhlichen Mustern, dann mit bunten Blumen. Als Felix dies langweilig wurde, verewigte er die Bewohner des Waldes in kleinen Bildern darauf. Und so malte er Meister Uhu, die Rehe, die Zwerge, ja sogar das Häuschen von der Wurzelmarie und die Traumsuse. Am Ende malte er seinen Vater Kasimir und seine Mutter Betsy und sich selbst als kleinen Hasen. Plötzlich überkam ihn großes Heimweh. Unter Tränen begann er, Geschichten auf die Eier zu malen, nämlich wie ein Osterhase sich auf den Weg machte, um das Osterhasenhandwerk zu erlernen und die Kinder zu beschenken. Bald sprach es sich im Wald herum, welch wunderschöne Ostereier er geschaffen hatte und jeder kam einmal vorbei gehuscht, um sie zu bestaunen. Aber der Frühling ließ auf sich warten und der Schnee wollte nicht weichen.

Eines Tages kamen die Zwerge durch den Schnee gestapft.

„Wurzelmarie!“, riefen sie. „Der Südwind ist schon unterwegs, aber der Frühling will einfach nicht erwachen, denn der Frostbeißer lauert in seiner Nähe und lässt niemanden vorbei. Wir müssen uns alle gemeinsam aufmachen, um den Frühling zu erwecken.“

„Zieh Dich warm an, Felix“, sagte die Wurzelmarie, „wir werden wohl länger unterwegs sein.“ Felix steckte schnell das schönste Ei ein, das er hatte, und setzte seine bunte Mütze auf. Die Zwerge warteten schon ungeduldig auf ihn. Zuerst ging es zum Zwergenhaus, in dessen Mitte auf einem blank gescheuerten Holztisch eine Krone lag, die mit bunten Blumen geschmückt war. Als Felix näher trat, sah er dass die Blumen aus Edelsteinen waren. Auch ein silbernes Zepter lag daneben, kunstvoll mit einer Blumenranke aus Mondstein verziert. „Beides gehört dem Frühling“, sagte Graubart, der älteste Zwerg. Nun betteten sie Krone und Zepter auf einem Kissen aus weißer Blütenseide und trugen den Schatz vorsichtig hinaus. Draußen hatten sich inzwischen viele Tiere versammelt, allen voran die Hirsche, die einen Holzwagen hinter sich herzogen. Die Zwerge und die Wurzelmarie stiegen ein. „Komm schon, Felix, worauf wartest Du?“, riefen sie und Felix kletterte eilig in die Kutsche.

Es dauerte nicht lange, da erreichten sie eine Höhle. Das Gespann blieb stehen. Die Zwerge entzündeten ihre Laternen und die Wurzelmarie nahm Felix an die Hand. Da trat ihnen der Frostbeißer in den Weg. „Hier kommt niemand hinein“, klirrte seine Stimme und dabei wedelte er mit Felix Ohr vor ihren Augen. Da baute sich Graubart unerschrocken vor ihm auf, obwohl er ihm gerade bis zur Hüfte reichte. „Ich rate Dir, sei friedlich und lass uns durch, Frostbeißer. Es wird Zeit, den Frühling zu wecken!“

„Du Wicht willst mir drohen?“, höhnte Frostbeißer. „Dass ich nicht lache. Ich brauche nur einmal kräftig zu pusten, dann erstarrt ihr alle zu Eis.“

„Ich fürchte Deine Bosheit nicht, Du Schrat.“ Kaum hatte er das ausgesprochen, gesellten sich die übrigen Zwerge zu ihm. Ihnen folgten die Hirsche, Füchse und Wölfe, die schon ungeduldig mit den Füßen scharrten. Auch die Traumsuse und die Wurzelmarie stellten sich dazu. Auf den Zweigen drängelten sich die Eulen und Krähen zu Hunderten und krächzten empört: „Gib den Eingang endlich frei!“ Felix spürte auf einmal, wie der Mut ihm zulächelte. „Zusammen sind wir stark!“, rief er mit heller Stimme und: „Gib mir mein Ohr zurück!“ Hatte er das wirklich gerufen? Frostbeißer schien zu schrumpfen und wich gegen diese Übermacht immer mehr zurück. Da drängten die Hintersten nach vorn und wie von selbst wälzte sich die Menge auf den Höhleneingang zu. Da warf Frostbeißer Felix das Ohr vor die Füße und suchte fluchend das Weite. Unter großem Jubel hob Felix sein Ohr auf. Nun war kein Halten mehr.

Die Zwerge schritten voran. Es ging einen langen Gang abwärts und alle Bewohner des Waldes folgten ihnen. Endlich kamen sie in einen riesigen Saal, in dessen Mitte ein großes Lager stand, das mit Blütenseide bespannt war. Darauf lag ein schöner Knabe in tiefem Schlaf. Ringsherum hockten die Blumenelfen, die Köpfe in die Arme vergraben, und in ihrer Traumwelt gefangen.

Plötzlich hörte man Flügelrauschen, gleißendes Licht füllte den Raum und ein leuchtender Vogel, der alle Farben in seinem Gefieder vereinte, umkreiste dreimal den Saal. Ein Aufatmen ging durch den Saal und der Knabe auf seinem seidenen Lager dehnte die Arme im Schlafe und die Blumenelfen hoben die Köpfchen. Da ließ sich der seltsame Vogel neben dem Knaben nieder und begann, ein Lied zu singen. Dieses Lied war so schön, dass allen das Herz weh tat und sie tiefe Sehnsucht erfasste. Felix meinte, er müsse sich aufmachen und immer weiter gehen bis zu dem Garten, aus dem der fremde schöne Vogel das Lied gebracht hatte.

Der Frühling schlug die Augen auf und blickte verwundert um sich. Als er den singenden Vogel erkannte, richtete er sich auf und der Vogel verstummte. „Vogel des Paradieses“, sprach der Frühling und streichelte sanft dessen Kopf, „habe Dank, dass Du mich geweckt hast.“

Da eilten die Zwerge herbei, hielten ihm Krone und Zepter entgegen und sprachen:

„Vorbei ist nun des Winters Macht,
der junge Frühling ist erwacht!“

Da erhob er sich. „Ich danke euch, ihr lieben Zwerge, für eure Treue und euren Fleiß.“ Dann setzte er sich die Krone auf das Haupt und die Elfen eilten herbei, um ihm seinen Blütenmantel umzulegen. Kaum war das geschehen, da wandelten sich die Edelsteine in der Krone zu lebendigen Blumen und um das Zepter rankte sich eine Lilie.

Felix trat schüchtern auf ihn zu. „Ich habe ein Geschenk für Dich, lieber Frühling“, flüsterte er und reichte ihm ein Ei, auf das er einen bunten Garten gemalt hatte. Da beugte sich der Frühling zu ihm hinab und küsste ihn auf die Stirn. „Ich danke Dir, kleiner Felix. Das ist ein wunderbares Geschenk und ich werde es in Ehren halten. Doch was ist mit Deinem Ohr geschehen?“

„Ach“, sagte Felix, und er spürte, wie er wieder traurig wurde. „Das hat mir der Frostbeißer abgenommen. Nun habe ich es zwar zurück erhalten, aber anwachsen wird es mir wohl nie.“ „Verliere nie die Hoffnung“, flüsterte der Frühling. Dann hockte er sich zu ihm nieder, bestrich das Ohr mit einer Zaubersalbe, die ihm ein guter Waldgeist geschenkt hatte und die alle Wunden heilte. Sodann hielt er es an Felix Kopf und sofort nahm es seinen Platz ein, als hätte es ihn nie verlassen. Nun jubelte nicht nur Felix, sondern der ganze Saal freute sich mit ihm. „Wir sehen uns wieder, Osterhasen-Felix!“, lächelte der Frühling, eilte zum Höhlenausgang und rief:

„Kommt mit mir hinaus in Garten und Flur,
die Bächlein und Bäume zu wecken,
Kommt mit auf die Wiesen und lobt die Natur,
dort, wo sich die Blumen verstecken.“

Sobald sein Blütenmantel den Boden berührte, schmolz der Schnee und wo sein Fuß stand, blühten die ersten Schneeglöckchen und läuteten fröhlich im sanften Wind. Als er über die Waldwiese schritt, schossen die Krokusse aus dem Boden und öffneten ihre Kelche. Wie er die Weide berührte, streckte sie ihm ihre seidigen Pfötchen entgegen, um seine Liebe zu empfangen. Die Amseln jubilierten im Chor Kwitt-Kwitt und selbst der träge Maulwurf kam ans Licht gekrochen und wühlte in der frischen Erde. Höher und höher stieg der Frühling, um Leben zu erwecken.

Felix blickte dem Paradiesvogel lange hinterher, der geradewegs in die Sonne flog. Auch für ihn hieß es Abschiednehmen.

„Vielen Dank für alles, liebe Wurzelmarie“, sagte er und schnürte sein Bündel.

„Es hat mir Spaß gemacht. Ostern ist nah. Ich habe die Hirsche gebeten, Dich mit ihrer Kutsche nach Hause zu geleiten, denn die vielen Eier kannst Du unmöglich allein schleppen. Komm gut heim und besuch mich mal wieder.“

„Das werde ich gewiss tun!“, rief Felix und umarmte sie stürmisch.

Schnell ist ein Schritt gemacht, doch ein Gedanke kann fliegen. Endlich war Felix wieder zu Hause und die Menschenkinder erwarteten sehnsüchtig das Osterfest. Felix machte sich in der Früh auf den Weg und huschte durch Wald und Feld und in viele Gärten, um seine Eier zu verstecken. Würden sich die Kinder darüber freuen? Verborgen in einem dichten Gebüsch wartete er.

Da kam ein kleiner Junge mit einem Körbchen im Arm. „Schau, Mama“, rief er ganz aufgeregt, „der Osterhase war da! So schöne Eier habe ich noch nie gefunden!“

Und nichts konnte Felix glücklicher machen als die Freude dieses Kindes.

 

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