Hunger auf Bildung - ein historischer Rückblick

Die Bildungsbemühungen der Bahá’í im Iran – ein historischer Rückblick

Gegen Mitte und Ende der 70er Jahre, kurz vor Gründung der Islamischen Republik Iran, war die Bahá’í-Gemeinde die vielleicht am besten ausgebildete soziale Gruppe Irans. Viele ihrer Mitglieder arbeiteten als Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Pädagogen oder in anderen führenden Berufs-feldern der Gesellschaft.

Durch die Betonung der Bildung von Mädchen brachten die Bahá’í-Schulen eine gesamte Generation hoch gebildeter Frauen im Iran hervor. Das Foto zeigt Mitglieder des Bahá’í-Ausschusses für die Förderung von Frauen 1950 in Teheran.

Der Ausschluss von Bildung stellt unter jeglichen Umständen ein großes Unrecht dar. Für die Bahá’í ist dies umso schwerwiegender, da die Heiligen Schriften der Bahá’í-Religion die elementare Bedeutung von Bildung und Erziehung für die Förderung des materiellen, sozialen und geistigen Fortschritts der Menschheit in hohem Maße betonen. Zudem war die iranische Bahá’í Gemeinde im Verlaufe ihrer Geschichte intensiv bemüht, gute Bildungsmöglichkeiten zu suchen und anzubieten.

“Betrachte den Menschen als ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert. Nur die Erziehung kann bewirken, dass es seine Schätze enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag“, schrieb Bahá’u’lláh.
Bevor sie wegen eines Regierungserlasses 1934 geschlossen wurden, zogen die Bahá’í-Schulen im Iran Tausende von Schülern an. Auf dieser Aufnahme vom 13.08.1933 werden Schüler von Bahá’í-Klassen in Teheran mit ihren Lehrern gezeigt. Seit den frühesten Tagen der Bahá’í-Religion widmen sich ihre Anhänger der Förderung von Bildung und Wissen, dem Aufbau und der Leitung von Schulen, und der Suche nach den besten Bildungsmöglichkeiten für ihre Kinder und die Kinder anderer.
Nirgendwo triff dies mehr zu als im Iran, der Geburtsstätte der Bahá’í-Offenbarung. Vor Beginn der Verfolgungen, welche auf die Gründung der Islamischen Republik 1979 folgten, war die iranische Bahá’í-Gemeinde eine der am weitesten entwickelten nationalen Bahá’í-Gemeinden weltweit.

Bereits ab 1880 etablierten die Bahá’í kleine Dorfschulen, worauf schon bald größere Grund- und weiterführende Schulen in den Städten folgten. Seit den frühesten Tagen der Bahá’í-Religion widmen sich ihre Anhänger der Förderung von Bildung und Wissen, dem Aufbau und der Leitung von Schulen, und der Suche nach den besten Bildungs-möglichkeiten für ihre Kinder und die Kinder anderer.

Um 1900 wurde zum Beispiel in Teheran die Madrissih-yi Tarbiyat-i Banin (die Tarbiyat Schule für Jungen) gegründet, und 1911 wurde auch die Bahn brechende Tarbiyat Schule für Mädchen eröffnet. Binnen Kurzem entstanden in den Städten Hamadan, Qazvin, Kashan und Barfurush weitere Bahá’í-Schulen. Die Schulen standen allen offen, so dass sich viele Kinder anmeldeten, die nicht aus Bahá’í-Familien stammten. So waren beispielsweise ungefähr die Hälfte der Schüler in Teheran keine Bahá’í.

Laut einer Quellenangabe waren 1920 rund zehn Prozent der geschätzten 28.000 Schulkinder der Grund- und weiterführenden Schulen Irans in den von Bahá’í geführten Schulen angemeldet. Obwohl es schwierig ist, genaue Zahlen zu erhalten, sind wohl in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über 50 Schulen von Bahá’í gegründet und geleitet worden.

Bedauerlicherweise wurden die meisten Bahá’í-Schulen auf Grund eines Regierungserlasses Mitte der 30er Jahre in einer Phase religiöser Verfolgung geschlossen. Zu der Zeit hatten die Schulen bereits einen beachtlichen Ruf als erstklassige Bildungseinrichtungen erlangt, so dass sie auch von zahlreichen Schülern prominenter Familien besucht wurden. Als Teil einer Politik der Gleichschaltung und Iranisierung aller sozialen Institutionen des Landes forderte die Regierung Reza Schahs, dass die Bahá’í-Schulen ausschließlich an staatlich festgelegten Feiertagen geschlossen bleiben sollen. Die Bahá’í-Gemeinde, jedoch, deren Lehren zusätzlich die Schließung an Bahá’í-Feiertagen vorschrieben, weigerte sich dem nachzukommen. Daraufhin entzogen die Regierungsbehörden die Genehmigungen zur Aufrechterhaltung der Schulen.

 

Bevor sie wegen eines Regierungserlasses 1934 geschlossen wurden, zogen die Bahá’í-Schulen im Iran Tausende von Schülern an. Auf dieser Aufnahme vom 13.08.1933 werden Schüler von Bahá’í-Klassen in Teheran mit ihren Lehrern gezeigt.

Dennoch hielt die Bahá’í-Gemeinde ihren intensiven Einsatz für Bildung und Erziehung aufrecht. Bahá’í-Eltern schickten ihre Kinder in ein sich ausbreitendes Netz staatlicher Schulen und richteten darüber hinaus besondere Klassen in Privathaushalten ein, um die moralische und religiöse Erziehung ihrer Kinder zu gewährleisten.

Gegen Mitte und Ende der 70er Jahre, kurz vor Gründung der Islamischen Republik Iran, war die Bahá’í-Gemeinde die vielleicht am besten ausgebildete soziale Gruppe Irans. Viele ihrer Mitglieder arbeiteten als Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Pädagogen oder in anderen führenden Berufs-feldern der Gesellschaft. Insgesamt hatte diese Betonung der Bildung und Erziehung eine beachtliche Auswirkung auf die iranische Bahá’í-Gemeinde. Gegen Mitte und Ende der 70er Jahre, kurz vor Gründung der Islamischen Republik Iran, war die Bahá’í-Gemeinde die vielleicht am besten ausgebildete soziale Gruppe Irans. Viele ihrer Mitglieder arbeiteten als Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Pädagogen oder in anderen führenden Berufsfeldern der Gesellschaft.

Beispielsweise hatte 1973 die Lese- und Schreibfähigkeit (Alphabetisierung) der unter 40jährigen Bahá’í-Frauen fast 100 Prozent erreicht. Im Vergleich dazu lag die nationale Lese- und Schreibfähigkeit unter den Frauen bei 25 Prozent.
Fortschrittliche Lehren. Mit ihrem Bildungsansatz lagen die Bahá’í an der Spitze der im Iran stattfindenden Entwicklungen im Erziehungs- und Bildungsbereich, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzten.

Das traditionelle Bildungssystem Irans basierte auf Unterricht von lokalen religiösen Führern (Mullahs), die zumeist keine Ausbildung in pädagogischen Methodiken hatten. Oftmals unterrichteten sie in ihren eigenen Häusern und konzentrierten sich auf das Auswendiglernen des Korans und poetischer Werke, ohne staatliche Aufsicht oder Einhaltung professioneller Maßstäbe. Diese lokalen Schulen waren bekannt als Muktabs.

Auf Ebene der weiterführenden Schulen gab es die Madrassih, die religiösen Schulen, die ebenfalls auf den Koran ausgerichtet waren, obgleich an manchen Astronomie, Medizin und Mathematik anhand mittelalterlicher Texte und traditioneller Methoden gelehrt wurden.

„Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es unter den iranischen Intellektuellen, welche darüber besorgt waren, dass der Iran so weit hinter Europa zurücklag, zunehmend Aufrufe zur Gründung moderner Bildungseinrichtungen im Iran “, sagt der Bahá’í-Gelehrte Moojan Momen.

Entsprechend wurde zur Jahrhundertwende eine Anzahl „moderner“ Schulen in Teheran, Tabriz, Rasht, Mashhad und Bushihr gegründet. Einige wurden aber bald wieder angesichts konservativer Opposition geschlossen.

Schulen für Mädchen standen sogar noch stärkerem Widerstand gegenüber. Kleriker brachten eine Fatwa heraus, die besagte, dass Mädchenschulen den Prinzipien des schiitischen Islam widersprächen. Ein Versuch im Jahre 1903, eine Schule zu gründen, währte lediglich vier Tage; eine weitere Schule, die 1907 gegründet wurde, wurde ebenfalls zwangsweise geschlossen.

Beseelt durch die fortschrittlichen Lehren ihres Glaubens, strebten die Bahá’í danach, sich in ihrer Haltung zu Lehrmethoden und Lehrplänen vom traditionellen islamischen Bildungssystem loszusagen. Sowohl Bahá’u’lláh als auch ‘Abdu’l-Bahá förderten das Studium moderner Natur- und Geisteswissenschaften, welche nicht Bestandteil der traditionellen Bildung waren. Zudem waren die Bahá’í bemüht, Schulen zu gründen, in denen die in den Heiligen Schriften betonte Werteerziehung adäquat verwirklicht werden konnte. Die Wichtigkeit der Bildung von Mädchen war ein weiterer Ansporn für die Gründung von Bahá’í Schulen.

Zudem waren die Bahá’í dadurch motiviert eigene Schulen zu gründen, weil Bahá’í-Kinder bisweilen daran gehindert wurden, lokale maktabs zu besuchen. Nach Dr. Momen hat der wohl früheste Versuch, eine Bahá’í-Schule zu gründen, in dem Dorf Mahfuruzak in Mazandaran stattgefunden – vermutlich gegen Ende der 1870er. Dort hatte ein lokaler religiöser Führer, Mullah Ali, zusammen mit dem Großteil der Bevölkerung den Bahá'í Glauben angenommen.

Durch die Lehren Bahá’u’lláhs über Erziehung inspiriert, gründeten Mullah Ali und seine Frau, ‘Alaviyyih Khanum, in diesem Dorf sowohl eine Schule für Jungen als auch eine für Mädchen. Im Jahr 1882 jedoch wurde Mullah Ali von benachbarten religiösen Führern denunziert, festgenommen, nach Teheran gebracht und hingerichtet. Die Tarbiyat Schule für Jungen in Teheran, die um 1899 gegründet wurde, war die erste moderne Bahá’í-Schule im Iran. Sie machte sich schon bald einen Namen als eine der besten Schulen des Landes. So war sie im Jahr 1905 die einzige Schule, die das Fach Mathematik täglich unterrichtete und die Schüler je nach Fähigkeitsgrad förderte.

Auch war sie, abgesehen von der amerikanischen Schule, die einzige, die englischen Sprachunterricht zusätzlich zu den staatlich vorgeschriebenen Fächern Persisch, Arabisch und Französisch anbot. Trotz starker Vorurteile gegen den Glauben im Iran, meldeten zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten ihre Kinder an der Tarbiyat Schule an.

Schulen für Mädchen

Die 1911 gegründete Tarbiyat Schule für Mädchen war zu ihrer Zeit im Bezug auf pädagogische Innovationen gleichfalls führend. Schon mehr als 15 Jahre bevor staatliche Schulen Sportunterricht für Mädchen erlaubten, führte sie Gymnastik und Unterrichtspausen für Mädchen ein. Der Erfolg der Tarbiyat Schule für Mädchen veranlasste andere Bahá’í-Gemeinden im Land, ebenfalls Schulen für Mädchen einzurichten. Bis zum Jahr 1934, als die Regierung die meisten Bahá’í-Schulen zwangsweise schließen ließ, hatten die Bahá’í mindestens 25 Mädchenschulen errichtet. Die Bahá’í gründeten im Iran die ersten Schulen für Mädchen.

Die Bahá’í gründeten im Iran die ersten Schulen für Mädchen. Hier eine Gruppe von Vorschulkindern der Tarbiyat Schule für Mädchen in Teheran um 1930.

Über die Jahre betrachtet war der von den Bahá’í-Frauen erreichte Fortschritt beachtlich. Zu einer Zeit, da der Lebensraum von Frauen auf den Haushalt beschränkt wurde, regten die Bahá’í-Schriften Frauen dazu an, ihren Geist auf Wissenschaft, Wirtschaft und Themengebiete zu richten, die den Zustand der Menschheit verbessern würden. Bahá’í-Mädchenschulen waren dementsprechend eine radikale Abkehr von den allgemeinen gesellschaftlichen Normen. In einigen Orten mussten Schülerinnen auf ihrem Schulweg begleitet werden, weil es Mädchen nicht erlaubt war, sich alleine in der Öffentlichkeit zu zeigen.

In der Tat stand die Bahá’í-Gemeinde in jeder Hinsicht gewaltigen Hürden gegenüber, als sie ihre Schulen errichtete. Seit ihrer Entstehung im Jahr 1844 sah sich die Bahá’í-Religion mit immer wiederkehrenden Verfolgungsphasen konfrontiert. So wurden Mitte des 18. Jahrhunderts mehr als 20.000 Bahá’í getötet.

„Nach 50 Jahren des Versteckens und des nicht Auffallens, die auf die Verfolgungen der Bábí folgten, war die Gründung einer Bahá’í-Schule an vielen Orten das erste Ereignis, bei dem die Bahá’í wieder in die Arena der Öffentlichkeit traten”, so Dr. Momen. „Die Schulen wurden an jedem Ort zu einem sichtbaren Zeichen der Existenz der Bahá’í-Gemeinde und somit zu den Hauptzielscheiben für die Ignoranz und die Vorurteile der iranischen Massen. Diese waren, ohne spezifische Gründe, mit Angst und Hass gegenüber den ‚Bábís’ aufgewachsen. Dies war ihnen von ihren religiösen Führern und Oberhäuptern so gelehrt worden. Auf Widerstand gegen die Bahá’í-Schulen stieß man auch bei den lokalen islamischen Religionsführern, die die Massen gegen die Schulen aufhetzten, und bei den lokalen Behörden, die die Ausstellung notwendiger Genehmigungen und Zertifikate verweigerten.“

Die Bahá’í nutzten jedwede Möglichkeit, diese Gegnerschaft zu mildern. So wurde beispielsweise an den Schulen kein Fach zur Bahá’í-Religion gelehrt. Die Bahá’í-Schüler hatten lediglich freitags, außerhalb des Schulunterrichtes ihre eigenen Religionskurse. Die Schulen achteten darauf, allen Regierungsbestimmungen bezüglich des Lehrplanes Folge zu leisten, einschließlich der Abhaltung von Kursen zur arabischen Sprache, zum Koran und dem Islam.

Trotz dieser Maßnahmen gab es Widerstand und Angriffe gegen die Schulen. Zum Beispiel überfiel 1921 in der Stadt Sangsar ein Mob, aufgehetzt durch die lokalen islamischen Religionsführer, die Schule und brannte sie nieder. Im Jahr 1913 verordnete in Abadih, wo 1908 eine Mädchenschule gegründet worden war, der neu ernannte Landesgouverneur die Schließung der Schule auf Grund von Beschwerden der lokalen religiösen Führer. Der Gouverneur teilte den Bahá’í mit: „Wir haben es noch nicht einmal geschafft, eine Mädchenschule in Shiraz zu eröffnen. Dies in Abadih zu tun, ist verfrüht.“ Die Schülerinnen und Schüler von nahezu allen Bahá’í-Schulen waren auf ihren Schulwegen einem gewissen Grad von Schikane und Belästigung ausgesetzt.

Ungeachtet dieser Hindernisse wuchs das Netzwerk der Bahá’í-Schulen im Iran. Auch nahm die Größe der einzelnen Schulen zu. Anfänglich waren die meisten Schulen Grundschulen, aber in den späteren Jahren kamen in den Städten die höheren Klassenstufen hinzu. Die Vahdat Bashar Schule in Kashan, beispielsweise, begann als Grundschule 1909 mit sechs Klassen; von 1913 bis 1914 wurde sie dann um eine Sekundarstufe erweitert. 1910 hatte die Tarbiyat Schule in Teheran rund 270 Schüler und unterrichtete fortgeschrittene Kurse in Geschichte, Physik, Chemie und Botanik sowie Persisch, Arabisch und Englisch.

Kurz bevor die Schulen im Jahr 1933 von der Regierung geschlossen wurden, gab es mindestens 47 Grundschulen, die von den Bahá’í im Iran geführt wurden. Von diesen hatten mindestens acht auch eine Sekundarstufe eingerichtet. Die Schulen hatten, nach Angaben eines Forschers, eine Schülerzahl von insgesamt mehr als 4.700 Schülern. Sie waren in nahezu jeder Region des Landes errichtet worden, einschließlich der Städte Teheran, Mashhad, Yazd, Qazvin, Kashan, Hamadan und Saysan.

Durch die Betonung der Bildung von Mädchen brachten die Bahá’í-Schulen eine gesamte Generation hoch gebildeter Frauen im Iran hervor. Das Foto zeigt Mitglieder des Bahá’í-Ausschusses für die Förderung von Frauen 1950 in Teheran.

Quelle: Closed Doors

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