Die Waffe des schwarzen Todes - Teil 2

Teil 2

© Barbara Naziri

 

Eilends wollte er den Sklavenmarkt verlassen. Just in diesem Moment legte ihm jemand von hinten die Hand auf die Schulter. „Tretet näher, junger Herr! Schaut, ich habe einen Korb voller Blumen anzubieten. Glutäugige Ägypterinnen aus Alexandria, stolze Abessinierinnen von der Insel Sansibar, liebreizende Tscherkessinnen…“ Leonardo trat einen Schritt zurück. Er gehörte zu den Wenigen seines Standes, die den Sklavenhandel verabscheuten. Doch der Händler ließ nicht locker und griff nach seinem Ärmel. „Warum diese Eile, werter Herr? Verweilt ein wenig und genießt den herrlichen Anblick. Eine blüht schöner als die andere. Sucht Euch eine aus, und ich mache euch einen guten Preis!“
Unwirsch schüttelte Leonardo die plumpe Hand ab. Da rief der Händler: „Lenkt Euren Blick auf diese Tscherkessin! Sie ist die Schönste unter den Frauen, die ich je erworben habe. Wollt Ihr, dass diese Rose welkt, noch bevor sie ganz erblüht?“ Gerade wollte Leonardo sich abwenden, da tauchte sein Blick in ein Augenpaar, so tiefgrün wie Smaragde. Der Händler, dem dieser Augenblick nicht verborgen blieb, schoss erneut auf ihn zu. Doch diesmal schwieg er, stellte sich neben ihn und verschränkte abwartend die Arme. Leonardo hatte nie zuvor ein feineres Wesen gesehen. Beherrscht wurde das Gesicht durch die großen grünen Augen, eine feine gerade Nase und einen vollen Rosenmund. Das dunkle Haar war in mehrere Zöpfe geflochten und hing ihr schwer bis auf die Taille nieder. Sie trug ein langes weißes Hemd, das bis zu den zierlichen Füßen reichte, die in gebogenen bestickten Pantoffeln steckten. Über dem Hemd, dessen Ärmel glockenförmig auseinander fielen, trug sie einen roten geschlitzten Kaftan. Auf dem Scheitel thronte ein rundes perlenverziertes Käppchen, an dem ein Musselinschleier stak, den ein leichter Wind sacht blähte. Leonardo stand versonnen da und die Welt um ihn herum war vergessen.

Der Händler glaubte indes, Leonardo habe nun genug gestaunt und hub wieder an, die Sklavin zu preisen: „Betrachtet dieses herrliche Geschöpf mit Wohlgefallen. Wenn sie geht, verneigen sich die Blumen vor ihrer Anmut, wenn sie tanzt, schwebt sie zart wie ein Schmetterling über dem Boden. Ihre Stimme klingt so glockenrein, dass selbst die Nachtigall beschämt verstummt…“
Leonardo hörte dem Geschwafel des Händlers gar nicht mehr zu. Alle Geräusche ringsum glitten ungehört an ihm vorüber. Er selbst fühlte sich, als schwebe er zwischen Himmel und Erden, und ein seltsames Gefühl wärmte sein Herz. Die Tscherkessin indes hielt den Blick gesenkt und stand still da. Endlich fand er in die Wirklichkeit zurück, als der Händler ihn erneut am Ärmel zupfte. „Wie heißt sie?“, fragte er mit rauer Stimme.
„Sie heißt Nalme!“ schrie der Händler so überschwänglich, dass Leonardo zusammenzuckte. „Nalme bedeutet Smaragd wegen ihrer selten schönen Augenfarbe“, fügte er noch überflüssigerweise hinzu. „Bietet einen guten Preis, Ihr werdet es nicht bereuen!“
Ernüchtert stieß Leonardo den Atem aus und wandte sich jäh ab. Er eilte durch die Menschenmenge, die sich mittlerweile um den Stand gebildet hatte. Als er das Ende des Sklavenmarktes erreichte, verhielt er im Schritt. Ihm war zumute, als habe er etwas Kostbares verloren. Sein Herz schlug ihm bis zum Halse. Für eine Sekunde schloss er die Augen, und da sah er Nalme wieder vor sich und die Traurigkeit in ihren Augen. Er wandte sich um und steuerte wieder auf den Händler zu. Der hatte schon von weitem seine Umkehr bemerkt und ruderte munter mit den Armen.
„Hier ist ein Beutel mit Goldmünzen“, sagte Leonardo. „Den gebe ich Euch für Nalme, nicht mehr und nicht weniger, denn ich feilsche nicht um einen Menschen. Ich denke, der Inhalt entspricht Eurer Zufriedenheit.“ Mit hochgezogenen Brauen nahm der Händler das Säckchen entgegen. Durch die Menge ging ein Raunen des Unmuts. Doch als der Händler hineingeschaut hatte, strahlte sein feistes Gesicht. „Ihr seid sehr gütig, junger Herr! Möge Eure Großzügigkeit belohnt werden mit diesem herrlichen Edelstein, den ihr heute erworben habt.“ Leonardo hielt Nalme die Hand entgegen. Als sich ihre kleine Hand in die seine legte, verspürte er ein tiefes Glücksgefühl.
Schweigend verließen sie den Basar. Nachdem sie sein Domizil erreicht hatten, wandte Leonardo sich ihr zu. „Schau mich an, Nalme“, sagte er mit ernster Stimme. „Ich weiß nicht, wie du in die Sklaverei geraten bist, aber ich bin ein freier Bürger und verabscheue den Sklavenhandel, wie es jeder in meiner Familie tut. Darum gebe ich Dich nun frei. Du kannst gehen, wohin du magst oder auch in meinem Haus bleiben und die Wirtschaft führen, denn es mangelt mir an einer guten Wirtschafterin.“
Er blickte sie forschend an. Nalme wich seinem Blick nicht aus und fasste Vertrauen.
„Habe Dank, Gebieter“, sprach sie und ihre Stimme bebte freudig überrascht, „ich bin heimatlos, seit ich ein Kind bin. Meine Geschichte ist schnell erzählt. Wisse, mein Vater war ein Ataman und behütete mich sehr. Er starb durch einen Meuchelmord, weil sein eigener Bruder ihm den Besitz neidete. Mein Oheim zwang meine Mutter, ihn zu heiraten, und verkaufte mich in die Sklaverei. Ich geriet an einen reichen Bojaren. Doch er stellte mir nach, darum hat mich seine Frau eines Nachts an diesen Händler verkauft. Mit seiner Karawane kam ich nach Caffa, wo er mich heute auf dem Basar feilbot.“ In ihren Augen glänzte es feucht. Sie schwieg eine Weile, um sich zu fassen. Dann fuhr sie fort: „Ich danke Euch für Euer Angebot. Gern werde ich Euer Haus führen, denn bei meinem vorigen Gebieter habe ich das Wirtschaften erlernt.“
„Nenn mich nicht Gebieter“, lächelte Leonardo. „Du bist nun keine Sklavin mehr und wirst für deine Arbeit Lohn und Obdach von mir erhalten.“

So geschah es. Aus der herzlichen Zuneigung, die beide füreinander hegten, erwuchs eine zarte Liebe. Da nahm Leonardo Nalme zur Gemahlin und sie bekamen im Laufe der Jahre vier Kinder.
In Caffa indes, das so mancher als Perle der Krim bezeichnete, blühte und gedieh der Handel und mit ihm der Wohlstand. Feindlichen Angriffen hielt die Stadt vehement stand, denn zwei gewaltige Mauern umschlossen Caffa, indem die innere Mauer etwa 6000 Häuser und die äußere 11000 Häuser schützte. Leonardos Wohlstand wuchs und beglückt sah er seine Söhne heranwachsen. „Eines Tages“, so dachte er freudig, „werden sie mit mir gemeinsam die Geschäfte führen!“

Doch die goldenen Tage von Caffa waren bereits gezählt. Unmerklich sollte sich das Blatt wenden.
 

 

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