"Zu fortschrittlich für den Mullah-Staat"

Baha’u’llah: „Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.“

"Zu fortschrittlich für den Mullah-Staat"

Wenn man so will, wurde die Religion der Bahai in einem Kerker geboren. Im "Schwarzen Loch", wie das berüchtigte Siyah-Chal-Gefängnis in Teheran genannt wird, saß Mirza Husain Ali Nuri Mitte des 19. Jahrhunderts - und hatte eine Vision. Es war die Vision von einer neuen Religion. Einer, die sich am Islam orientiert, Männer und Frauen aber als gleichberechtigt ansieht und Mohammed nur als einen Propheten unter vielen.

Heute leben etwa 300 000 Bahai in Iran, sie sind die größte Minderheit in dem 75-Millionen-Einwohner-Land. Im Gegensatz zu Christen, Juden und Zoroastriern genießen sie jedoch keinen staatlichen Schutz. Sie sind religiöses Freiwild.

Ein Bericht, den die Internationale Bahai-Gemeinde an diesem Mittwoch dem UN-Menschenrechtsrat in Genf vorgelegt hat, zeigt, wovor Menschenrechtsorganisationen schon seit Jahren warnen: Das iranische Regime scheut offenbar vor nichts zurück, um die Bahai aus dem Gottesstaat zu vertreiben.

Auf 48 Seiten beschreiben die Autoren des Berichts "Unbestrafte Gewalt" in nüchternen Worten, was den Bahai in Iran widerfährt. Von Folter ist da die Rede, von Dutzenden Brandanschlägen auf Geschäfte und Wohnungen, von verwüsteten Friedhöfen - und von Morden. Die Opfer sind stets Anhänger des progressiven Bahai-Glaubens, die Täter bleiben in der Regel unbestraft. Ingo Hofmann, Vertreter der Bahai-Gemeinde in Deutschland, sagt: "Das iranische Regime hat die Auslöschung der Bahai-Gemeinde zum Ziel."

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte jüngst von einer "nationalen Kampagne" der Regierung in Teheran gesprochen und ein sofortiges Ende der Diskriminierung gefordert.
Mehr als 200 Bahai wurden bereits hingerichtet

Die Geschichte der Bahai ist seit jeher auch eine Geschichte der Verfolgung. Für viele Muslime sind sie Apostaten, also vom "wahren Glauben" Abgefallene. Denn Bahai achten zwar den Koran, aber sie sehen Mohammed nicht als den letzten Propheten - das ist für die Schiiten im Lande ein Affront. Religionsstifter Mirza Husain Ali Nuri musste daher im 19. Jahrhundert aus Persien flüchten. Viele seiner Anhänger jedoch blieben in ihrer Heimat, dem heutigen Iran - unter Lebensgefahr.

Von der Zeit nach der Islamischen Revolution, als der schiitische Klerus an die Macht kam, sprechen viele Bahai heute nur als "Tage des Terrors": Heilige Orte der Bahai wurden zerstört, Gläubige, die nicht zum Islam konvertieren wollten, gehängt. Auf Kreuzungen in der Hauptstadt Teheran sollen die Särge gestapelt worden sein. Insgesamt wurden bis heute mehr als 200 Bahai hingerichtet.

Bahai sind in Iran Bürger zweiter Klasse. Seit den Achtzigern sind ihnen Versammlungen verboten, iranische Universitäten dürfen sie nicht mehr besuchen. Diese Linie gibt ein Geheimdokument, das sogenannte Golpayegani-Memorandum, vor. Ein Mitverfassser ist Ayatollah Ali Chamenei, das geistige Oberhaupt Irans. In dem Text heißt es, Bahai müssten in "ihrem Fortschritt behindert werden". Die Diskriminierung der Glaubensrichtung ist seither Staatsdoktrin. "Das Regime sieht offensichtlich den Glauben der Bahai als Angriff auf sein eigenes Machtfundament" sagt der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning. Die Macht des iranischen Regimes fußt auf einem streng ausgelegten schiitischen Glauben, wohingegen das Bahaitum als fortschrittlich und weltoffen gilt.

Sowohl die Bundesregierung als auch die Europäische Union haben auf diplomatischer Ebene bereits mehrmals interveniert, mit mäßigem Erfolg. "Die hören das - und manchmal hören sie kurzfristig auch darauf", sagt Löning. Danach gehe die Verfolgung weiter.
Teheran spricht von "kultartigen Aktivitäten"

Auf eine Anfrage von Süddeutsche.de reagierte die iranische Botschaft in Berlin bis Mittwochmittag nicht. Die Sichtweise des Regimes in Teheran ist allerdings hinlänglich bekannt. So begründete ein Vertreter Irans 2010 die Verfolgung der Bahai bei einer UN-Tagung mit deren "kultartigen Aktivitäten, die gegen die grundlegenden Menschenrechte der Bürger verstoßen".

Der Hass der schiitischen Hardliner auf die sanften Bahai entlädt sich derzeit vor allem in der Provinz Semnan im Norden Irans. Fast schon wöchentlich werden Bahai unter fadenscheinigen Gründen festgenommen. Bahai berichteten Süddeutsche.de von willkürlichen Beschlagnahmungen, von tagtäglichen Übergriffen, von Frauen, die samt ihrer Kleinkinder verhaftet würden. Ihre Namen wollen die Zeugen nicht in der Öffentlichkeit lesen. Zu groß sei die Angst vor weiteren Repressionen.

Das siebenköpfige Führungsgremium der Bahai in Iran sitzt seit 2008 in Haft. Verurteilt wurden die fünf Männer und zwei Frauen in einem Geheimprozess. Wegen Verletzung religiöser Gefühle - und Spionage für Israel. Der Hintergrund ist reichlich banal: Die Bahai richten ihr Gebet gen Israel - nicht etwa, weil sie den iranischen Erzfeind verehren, sondern weil Religionsgründer Mirza Husain Ali Nuri nahe der Hafenstadt Haifa begraben liegt.


Bericht:
Frederik Obermaier

Frederik Obermaier hat in Eichstätt, Bogotá und Sanaa Politikwissenschaft, Journalistik, Soziologie und Wirtschaftsgeografie studiert. Danach arbeitete er zunächst als freier Autor für die Deutsche Presse-Agentur, die Magazine Neon und ZEIT Campus sowie die Zeitungen taz und die Frankfurter Rundschau. Seine bisherigen Recherchen führten ihn u.a. nach Kolumbien, Irak, Libanon, Jemen, Südafrika und auf die Marshall-Inseln. Für eine Reportage über eine Holländerin, die in der kolumbianischen Guerilla kämpft, wurde er mit dem CNN-Award 2010 ausgezeichnet. 2013 gewann er zusammen mit mehreren Kollegen für eine Wochenendbeilage über Waffen und deren Bedeutung für Deutschland den Wächterpreis der deutschen Tagespresse. Frederik Obermaier arbeitet für das Ressort Investigative Recherche sowie die Außenpolitik-Redaktion.

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