Der Drachentöter

Der Drachentöter
© Barbara Naziri


Das Städtchen schmiegt sich eng an den Berghang, als suche es dort Schutz. Der mittelalterliche Stadtkern wirkt malerisch mit seinen Gässchen und Winkeln. Bunte Häuser reihen sich eng aneinander. Sie scheinen sich gegenseitig zu stützen. In einer der unzähligen Gassen gibt es einen türkischen Laden. Darüber lebt Yaşar im oberen Stockwerk mit seinen Eltern, die unten in ihrem Laden Frischwaren und Spezialitäten aus der Heimat feilbieten. Zu den Wohnungen, in denen noch zwei weitere Familien leben, führt eine gewundene Holzstiege empor.

In diesem Moment stapft Yaşar eilig die Wendeltreppe hinauf. Die ausgetretenen Stufen knarren bei jedem Schritt. Er liebt die späten Nachmittagsstunden. Während andere Kinder noch auf der Straße umhertollen, zieht er sich gern mit seinem Märchenbuch in die Stille der Wohnung zurück.

Bäuchlings liegt er auf seinem Bett, vertieft in die Geschichten, die er schon zigmal gelesen hat und von denen er nie genug bekommen kann. Dann erwachen sie zum Leben, die tapferen Helden, die grimmigen Riesen und die furchtbaren Drachen. Mitunter hält er im Lesen inne und hebt den Blick. Aus dunklen Augen schaut er verträumt in die Ferne, ohne die Umgebung wahrzunehmen. Seine Gedanken fliegen wie freie Vögel davon. Sie schweben über Berge und Flüsse, überqueren Grenzen, entdecken verwunschene Schlösser und schöne Prinzessinnen. In solchen Momenten liegt ein gelöstes Lächeln auf seinem Gesicht. Ach, wie sehr liebt er diese spannenden Geschichten von Heldentum und Gerechtigkeit. Es ist so einfach. Das Böse wird bestraft, das Gute belohnt. Behutsam streicht er mit seiner rauen Jungenhand über das vom vielen Lesen zerfledderte Märchenbuch, seinen Schatz.

Yaşars Lieblingsgeschichte ist die vom Drachentöter. Wenn er sie liest, gleiten seine Finger doppelt so flink von Zeile zu Zeile. Atemlos verschlingt er das Märchen – immer und immer wieder, obwohl er fast jede Einzelheit darin auswendig kennt. Wenn er am Schluss der Geschichte anlangt, klappt er das Buch mit einem glücklichen Seufzer zu. Dann streckt er sich auf dem flauschigen Teppich aus, legt es auf seine Brust und verschränkt die Hände darüber, als wolle er eins mit ihm werden.

Er wünscht sich, jener goldhaarige Drachentöter zu sein, der mutig in die Welt zieht. Ja, er - Yazar - würde es ihm schon zeigen, diesem furchtbaren Drachen! Er würde ihn besiegen und das Königreich vom Unheil erlösen. Ein Held, oh ja! Das wäre er gerne einmal. Anerkannt und bewundert von allen. Yazar springt auf, schwingt sein imaginäres Schwert und haut dem dreiköpfigen Ungeheuer die Häupter ab. Sie fliegen durch die Luft und krachen auf die Erde. "Hach, da hast du, was du verdienst! Mit einem einzigen Schlag! Ich werde immer gegen das Böse kämpfen!" Der Drache hat sein Leben ausgehaucht. Yazar breitet die Arme weit aus. "Und jetzt", ruft er, "führe ich die wunderschöne Prinzessin heim, die du geraubt hast." Er streckt die Hand aus, als stünde sie leibhaftig vor ihm und lächelt glücklich. "Ich mache alle Menschen froh. Keiner muss mehr Angst haben."

In seinen Träumen ist er ein blonder Prinz. Aber Yazar ist ein schwarzgelockter, kleiner Türkenjunge. Die deutschen Nachbarskinder sind zwar nett und lassen ihn mitspielen. Doch wenn sie sich streiten, wird er anders beschimpft als die anderen Kinder. "Kameltreiber!", sagen sie dann zu ihm oder "Geh doch dorthin, wo du herkommst!"

Eines Tages schließt Heinz sich der Gruppe an, ein hübscher rothaariger Junge mit Sommersprossen. Er ist älter als die anderen und wird schnell zum Rädelsführer. Manche Kinder mögen ihn nicht, weil er schnell ausrastet. Aber weil er gute Spiele einbringt und sie sich vor seinen Zornausbrüchen fürchten, schweigen sie lieber. Heinz zeigt ganz offen, dass er Yazar nicht mag.

Als sie wieder einmal streiten, werden die Worte immer derber. "Hau ab, du Halbaffe! Geh zurück auf deinen Baum!", tönt Heinz. "Ich polier dir die Fresse, wenn du hier noch mal auftauchst."

"Was habe ich dir eigentlich getan?", fragt Yazar empört.

"Frag nicht so blöd! Zieh Leine, Kanake!" Drohend baut sich Heinz vor ihm auf und blickt ihn kalt an.

"Was ist denn ein Kanake?", fragt Yazar verwirrt.

Einige Kinder blicken Heinz erwartungsvoll an.

Heinz ist in seinem Element. "Guck doch mal in den Spiegel, Schwarzkopf, dann weißt du es! Du nervst. Spiel im Dschungel, aber nicht mit uns."

Bedrückt, weil keiner ihm zur Seite steht, wendet Yazar sich ab.

Der Hinterhof der elterlichen Wohnung wird Yazars Schlupfwinkel. Eine Außentreppe führt zu ihm hinab. In der Mitte des Hofs steht eine mächtige Kastanie, um die herum eine Holzbank gezimmert ist. Bei mildem Wetter sitzen die Familien abends hier beisammen und tratschen über die Ereignisse des Tages. Mitunter grillen sie auf dem Rost des alten Steinofens, der in einer Nische des Hofs steht. Wenn ihnen dann der Duft von knusprigen Lammkoteletts und Auberginen in die Nasen steigt, erinnert das alle ein bisschen an die Heimat. Manchmal holt Yazar's Vater seine Sas heraus, ein traditionelles 4-saitiges Instrument mit langem schmalem Hals und dickem Klangkörper. Wenn er die Saiten schlägt und dazu singt, fließt aus manchem Auge eine verstohlene Träne. Tagsüber hält sich hier kaum jemand auf. Darum verkriecht Yazar sich mit seinem Märchenbuch gern hierher. Während die Vögel fröhlich in den Bäumen zwitschern, kann er hier lesen und träumen.

Das Glücksgefühl, das er bisher beim Lesen der Märchen empfand, ist geschwunden. Er kann nicht mehr in die Geschichten eintauchen. Wenn er das Buch beiseite legt, schwirren die Gedanken durch seinen Kopf. Die Bemerkungen von Heinz hallen ihm wie ein Echo in den Ohren.

"Was ist nicht gut an schwarzen Haaren?", fragt er sich wieder und wieder. Eine Krähe, die sich auf dem Dachfirst niederlässt, stimmt ein lautes Krächzen an, als wolle sie ihm eine Antwort geben. Yazar überlegt laut: "Hm, ist denn alles gut, was blond und hell ist? Und wenn ja, warum? Was ist dann aber, wenn alles Schwarzhaarige und Dunkle schlecht ist?" Missmutig schürft er mit den Schuhen im Sand und starrt düster vor sich hin. Sein Herz wird schwer. Nein, das kann doch nicht sein! Da gibt es doch Schneewittchen. Sie hatte schwarze Haare und war wunderschön. Ihre böse Stiefmutter verfolgte sie, obwohl Schneewittchen ihr gar nichts getan hatte. Trost findet er in diesen Gedanken nicht.

Manchmal wünscht er sich blonde Haare und eine helle Pfirsichhaut, bloß um nicht aufzufallen. Manchmal zürnt er sogar seinen Eltern. "Warum haben sie dunkle Haare, dunkle Augen?", grübelt er. "Das ist nicht gerecht!" Er schlingt seine Arme um die Knie und nagt an seiner Unterlippe. Da kommt ihm eine Idee. Er springt auf und eilt in die Küche zu seiner Mutter, die gerade den Reis für den Abend aufgestellt hat. Ihr dunkles Haar hat sie zu einem glänzenden Zopf geflochten, der schwer im Nacken ruht.

"Anne, ich habe eine Bitte!", ruft er aufgeregt und schlingt die Arme von hinten um sie.

Seine Mutter Hatice ist eine liebevolle Frau, klein und etwas füllig. Sie dreht sich lachend um. "Nicht so wild, Yazar, sonst kippt mir noch der Topf vom Herd! Was hast du denn auf dem Herzen?"

"Weißt du, deine Haare sind so schön. Aber sie könnten noch viel schöner aussehen, wenn sie hell wären. Ich mag blonde Haare. Auch im Märchen haben viele gute Menschen helle Haare. Bitte färbe doch deine Haare blond! Dann siehst du viel schöner aus", sprudelt es aus ihm hervor.

Überrascht blickt sie Yazar an. Sie durchschaut seine Bitte. "Yazar, mein lieber Sohn", erwidert sie, und ihr Lächeln ist wie weggewischt, "man bleibt stets das, was man ist - nicht mehr und nicht weniger. Das Herz eines Menschen ändert sich nicht durch eine andere Farbe." Dann schlingt sie die Arme um ihn und drückt ihn an sich. "Ich bin deine Mutter und ich hab dich lieb. Wasser hat auch keine Farbe, aber wir brauchen es alle. Es ist die Liebe, die unserer Welt die Farben schenkt."

Yazar spürt, wie traurig er sie mit seinen Worten gemacht hat. Stürmisch erwidert er ihre Umarmung und verbirgt sein Gesicht an ihrer Brust. Die Kleidung der Mutter duftet nach Jasmin. Genussvoll zieht er den Duft ein. Doch der Schatten auf seinem Herzen will nicht weichen.

Hatice blickt besorgt auf ihn hinab. Sie streicht ihm sanft übers Haar und haucht einen Kuss darauf. "Ach Yazar", seufzt sie liebevoll, "hier ist das Leben für alle nicht einfach. Die Menschen hier sind mitunter rau, weil ihnen die Sonne fehlt. Schau, der bleigraue Himmel verstärkt dieses Gefühl. Für einen Sonnentag muss man in diesem Land zehn Regentage in Kauf nehmen. Das ist für die Menschen auch nicht leicht."

Hatice ist ihrem Mann Kerim nach Deutschland gefolgt. Im Laufe der Jahre hat sie sich eingelebt, aber das Heimweh brennt in ihrem Herzen. "Weißt du", sagt sie, "ich habe solche Sehnsucht nach unserer kleinen Stadt am Meer. Dort sind meine Wurzeln. Ich habe meine Mutter, deine Großmutter, schon so lange nicht gesehen. Sie ist ganz allein zurückgeblieben und will nicht hierher kommen. 'Einen alten Baum verpflanzt man nicht', sagt sie immer." Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Doch als sie bemerkt, wie bedrückt Yazar dreinblickt, überspielt sie ihre Traurigkeit mit einem Lächeln.

"Hör zu, ich will dir Schönes aus der alten Heimat berichten."


...


Die vollständige Geschichte gibt es in dem Buch

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