Pustekuchen

Pustekuchen
© Barbara Naziri

Zwischen saftigen Grasbüscheln zeigten sich überall goldene Farbtupfer. Der Löwenzahn war erblüht und reckte sein leuchtendes Gelb den Bienen entgegen, die emsig nach Nektar Ausschau hielten. Einige Löwenzähnchen hatten sich schon in Pusteblumen verwandelt. Rund und weich lächelten sie in den blauen Himmel. Sie warteten auf den wilden Sohn der Sonne, den Wind. Der Wind würde ihre Schirmchen lösen und davon tragen. Hoch hinaus flögen sie mit ihm, um schwebend die Welt von oben zu sehen und dann gemütlich Mutter Erde entgegen zu gleiten. Mutter Erde wird alle Schirmchen in ihrem Schoß aufnehmen und behüten. Und im nächsten Frühling wird an dieser Stelle ein weiterer Löwenzahn erblühen.
Indes sandte die Sonne ihr Strahlen über die grüne Weide. Hier plätscherte munter ein Bächlein über blanke Kiesel. Storch Adalbert watete wachsamen Blickes durch den Bach, um nach einem Fröschlein Ausschau zu halten. Doch die Frösche waren gewarnt und hatten sich in der Uferböschung versteckt. Ein wenig verärgert betrachtete Adalbert Elli Elster, die krächzend am Ufer entlang hüpfte. Hie und da steckte sie ihren Schnabel tief ins Gras, als suchte sie nach etwas Verlorenem. Und da sie es scheinbar nicht finden konnte, machte sie ein ziemliches Gezeter.
„Sag mal Elli, was machst Du eigentlich da? Mir knurrt der Magen. Aber Du vertreibst mir mit Deinem Getue hier die ganzen Frösche“, klapperte er ungehalten.
„Ach, was weißt Du schon!“, schimpfte Elli. „Morgen hat Edelbert Geburtstag und ich habe noch kein Geschenk für ihn.“
„Wer ist denn Edelbert?“, fragte der Storch neugierig.
„Na, wer schon! Mein Mann natürlich! Letztes Mal habe ich ihm eine wunderschön glänzende Münze geschenkt. Die hatte jemand verloren. Aber jetzt passen die Menschen mehr auf. Sie schimpfen über die schlechten Zeiten. Münzen verlieren die schon lange nicht mehr.“
„Hm“, sagte Adalbert und sah sehr nachdenklich aus. „Du hast sicher Recht. Aber auf der Weide wirst Du kaum etwas finden. Hier gibt es nur Kühe. Und wenn die etwas verlieren, dann höchstens einen Kuhfladen.“
„Igitt“, krächzte Elli. „So etwas kann ich doch nicht verschenken!“
Ein paar Bienen, die mit ihrer Nektarlast an den Beinen vorüber flogen, kicherten leise, als sie dies hörten.
„Höre, Elli, am Ende der Weide, kurz vor dem Menschendorf, gibt es einen großen Blumengarten. Du erkennst ihn daran, dass er rundherum von Hecken umgeben ist. Darin lebt ein alter Mann in seiner Hütte. Die Menschen nennen ihn Gärtner, weil er die Blumen pflegt. Vielleicht wirst Du dort fündig. Die Menschen verlieren immer etwas.“
„Ich danke Dir, Adalbert“, krächzte Elli erfreut und schwang sich sofort in die Lüfte.
Adalbert winkte ihr nach und freute sich, den Bach nun wieder für sich allein zu haben.
Als Elli so durch die Lüfte flog, erblickte sie auf einmal einen schönen Garten, in dem viele bunte Tulpen und Hyazinthen blühten. Selbst die Bäume hatten sich in ein Frühlingsgewand gekleidet und ihre Äste in rosa und weiße Blüten gehüllt. Bienen und Hummeln summten ohne Unterlass und die Singvögel sangen ihre schönsten Lieder. Da entdeckte Elli die Hütte am Rande des Gartens und ließ sich auf ihrem Dach nieder. Unten auf einer Holzbank saß ein alter Graubart mit freundlichen blauen Augen. Seine Kleidung war so grün wie das Gras auf der Weide und auf dem Kopf trug er einen weiten Strohhut, in dem ein paar Gänseblümchen steckten. Neben ihm saß ein kleiner Junge mit einem dunklen Wuschelschopf.
„Opa“, fragte er gerade den Alten, „bringt es Dir eigentlich Spaß, ein Gärtner zu sein?“
„Ja, Louan“, lächelte der Alte, „schau Dich doch einmal um in meinem Reich. Die Vögel zwitschern für mich ihre schönsten Lieder und die Farben der Blumen leuchten klarer als kostbare Edelsteine.“
Elli Elster verstand nur Edelsteine und reckte den Hals nach allen Seiten. Würde sie hier ein Geschenk für Edelbert finden? Da hörte sie, wie Louan seinen Großvater fragte: „Opa, heute habe ich doch Geburtstag. Muss ich noch lange auf die Überraschung warten?“
„Natürlich nicht“, schmunzelte der Alte. „Bleib schön hier sitzen. Ich komme gleich wieder.“
Elli Elster war hoch erfreut. Der kleine Menschenjunge hatte also Geburtstag. Da fiel bestimmt auch etwas für Edelbert ab. Gespannt blieb sie sitzen und wartete, was nun geschehen würde.
Nach einiger Zeit öffnete sich die Hüttentür und der alte Gärtner kam mit einem brennenden Kuchen aus dem Haus. Bei Elli läuteten alle Alarmglocken. Ein Kuchen, auf dem es brannte! Sollte sie nun davon fliegen oder ausharren? Ihre Neugier war größer als ihre Angst.
Der kleine Junge indes zeigte überhaupt keine Angst. Er klatschte in die Hände und lachte. Sein Großvater begann, ein Geburtstagslied zu singen. „Zum Geburtstag viel Glück, lieber Louan! – So, und nun musst Du die Kerzen ausblasen und Dir etwas wünschen.“
Elli hielt den Atem an, als Louan sich vorbeugte und in einem Atemzug die Kerzen ausblies. Das hatte sie noch nie gesehen. Wie schön das war.
„Hast Du Dir etwas gewünscht?“, fragte der Alte.
„Ja, Opa.“
„Dann verrat es nicht, damit es sich erfüllt. Nun kannst Du Dein Geschenk aufmachen“, schmunzelte er und gab dem Jungen ein buntes Paket, an dem eine Metallschleife prangte.
Louan öffnete das Paket und die glänzende Schleife fiel achtlos zu Boden. Ellis Vogelherz schlug bis zum Halse. Ihre Augen waren starr auf die Schleife gerichtet.
„Juhu!“ Ein Feuerwehrauto!“, hörte sie den kleinen Jungen rufen, aber da hatte sie schon zum Tiefflug angesetzt und packte sich die glitzernde Schleife. Mit pochendem Herzen flog sie auf das Dach und ließ sich dort einen Moment nieder, die Metallschleife fest im Schnabel.
„Schau mal Opa, die Elster hat die Schleife genommen!“, lachte Louan.
„Ja, Louan, Elstern lieben alles, was glänzt.“
Beide winkten Elli hinterher, als sie davon flog.
Elli war glücklich. Endlich hatte sie ein Geschenk für Edelbert und noch dazu ein so schönes. Auf der Wiese ließ sie sich nieder. Der Geburtstag des Menschensohnes hatte ihr sehr gefallen. Elli betrachtete nachdenklich die Schleife, die auffunkelte, als ein Sonnenstrahl sie traf. Sie wollte Edelbert eine ganz besonders schöne Überraschung bereiten. Feuer konnte sie nicht machen und Kerzen hatte sie auch keine. Sie schaute sich um – und da hatte sie eine wunderbare Idee. „Wind“, rief sie, „ich brauche Deine Hilfe!“
Am nächsten Tag führte sie Edelbert auf die Wiese. Edelbert war ziemlich aufgeregt, denn Elli machte es sehr spannend.
„Du darfst aber nicht gucken!“, rief sie immer wieder. Das war gar nicht so einfach für den Elstermann, mit geschlossenen Augen über die Weide zu laufen. Immer wieder stolperte er und fiel ein paar Mal auf den Schnabel. Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht.
„Du musst Dir etwas wünschen“, sagte Elli endlich. „Aber nix verraten. Denn wenn Du es verrätst, geht der Wunsch nicht in Erfüllung!“
„Aha.“ Edelbert wurde das Ganze langsam unheimlich. Aber dann tat er, wie ihm geheißen. Und er wünschte sich still, ganz alt mit seiner treuen Elli zu werden.
„Nun mach die Augen auf“, krächzte Elli, sodass man es über die ganze Wiese hörte.
Als Edelbert die Augen öffnete, erblickte er eine Pusteblumentorte und darin eine funkelnde Schleife, die so schön war, dass er vor Freude laut aufjubelte. Da kam der Wind herangebraust und pustete und pustete. Hunderte von Pusteblumenschirmchen erhoben sich in die Lüfte und zogen fröhlich über die Weide. Den Wunsch von Edelbert nahmen sie mit und er hat sich erfüllt. Wenn Edelbert später seinen Enkelkindern Geschichten erzählte, dann immer von der Pusteblumentorte und seiner wunderbaren Elli.

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