König der Herzen

 König der Herzen

© Barbara Naziri

Im Morgenland, wo Berge und Meere an Schönheit wetteifern, regierte König Roschan sein Sonnenreich. Jeden Morgen, wenn die Sonne im Osten aufging, sank er vor ihr auf die Knie und bat um Schutz für sein Volk und um reiche Ernten, damit niemand Hunger leiden musste. Die Sonne lächelte darüber und so gediehen die Felder und Gärten im Überfluss und ihr Lächeln schenkte den Menschen Zufriedenheit.

Im Palastgarten wuchsen in allen Farben der Welt die herrlichsten Rosen. Ihr lieblicher Duft schwängerte die Luft und verhieß jedem einen Hauch des Paradieses, der den Garten betrat. Inmitten bunter Blumenrabatten und blühenden Sträuchern tummelten sich zahme Leoparden und Antilopen zwischen weißen und blauen Pfauen, den Lieblingsvögeln des Königs. Täglich in den Nachmittagsstunden suchte Roschan seinen Garten auf. Sobald die schönen Vögel seiner ansichtig wurden, scharten sie sich um ihn, rieben zum Gruße ihre Köpfe an seinem Gewand und liebkosten ihn mit ihren Flügeln. Da kam dem König der Gedanke, die Treue der Pfauen auf seinem Herrschersitz zu verewigen. Er erteilte seinen Goldschmieden den Auftrag, die schönsten und stärksten Federn zu sammeln, sie in Gold zu gießen und mit den kostbarsten Edelsteinen zu verzieren. Mit den goldenen Federn ließ er seinen Thron fächerartig schmücken, um dem Antlitz der Sonne zu huldigen. Die Sonne erfreute das und sie schenkte dem Herrschersitz ein paar Strahlen, worauf der Thron von innen zu leuchten begann, sobald der König den Pfauenthron bestieg. Regierte er, verschmolz er mit ihm und tauchte sein Reich in Licht, denn die Menschlichkeit hat ihr eigenes Leuchten.

In der dunklen Jahreszeit, als Kälte und Frost das Land überzogen und die Tage immer kürzer wurden, ward der Sonne ein Sohn geboren. Sie nannte ihn Mithra. Sein Leuchten verleitete selbst den grimmigen Frost zu einem Lächeln, das den kühlen Winterhimmel in ein leuchtendes Blau tauchte. Eines Morgens, als der König wieder betend den Sonnenaufgang herbeisehnte, sprach die Sonne zu ihm: „Du warst mir immer treu ergeben und bist ein gerechter Herrscher, der gütig für sein Volk sorgt. Die Tage, an denen ich Dir Kraft und Wärme spenden kann, werden weniger. Dafür sind die Nächte lang und die Menschen werden von Schwermut geplagt. Ich werde Dir meinen Sohn Mithra zur Erde senden, damit er euch in Zeiten der Dunkelheit Trost und Zuversicht spenden möge.“

Der König dankte ihr unter Tränen. Da sprach sie weiter: „Doch ich habe eine Bedingung. Erfüllst Du sie gewissenhaft, dann wird Dein Reich stets in Frieden leben und die Menschen werden einander mit Achtung und reinen Sinnes begegnen. Doch versagst Du, dann wird das, was Dir heute Wärme scheint morgen als Feuer über Dir brennen.“

Der König neigte das Haupt: „So sprich, liebe Sonne, ich werde alles tun, um Dein Begehren zu erfüllen.“

„Es hört sich einfach an, König Roschan, aber für die Menschen ist es nicht leicht, diese Regeln durchzuhalten. Öffne Dein Gewand. Ich werde sie Dir mit meinen Strahlen auf Deine nackte Brust zeichnen.“

Roschan öffnete sein Gewand und die Sonne schrieb:

Gut denken – Gut sprechen – Gut handeln.

Dem König aber war zumute, als habe sie diese Worte direkt in sein Herz geschrieben. Er fiel in einen tiefen Schlaf und als er daraus erwachte, war die Nacht erhellt. Überall brannten Kerzen und sein Volk lachte und sang fröhliche Lieder. Mithra, der Sonnensohn, hatte Einzug gehalten und die Menschen feierten seinen Geburtstag. Diesen Tag nannten sie Yalda, die Wintersonnenwende. Von nun an feierte das Sonnenland jedes Jahr die Yalda-Nacht, um der Sonne Sohn zu huldigen. Die Freude darüber verkürzte die dunkle Jahreszeit. Mithra leuchtete ihnen Hoffnung in die Herzen, sodass sie frohgemut den Winter überstanden. Dreimal am Tag beteten die Menschen zur Sonne. Sie besangen sie dankbar jeden Morgen, wenn sie die Nacht verscheuchte und beteten, wenn sie am Mittagstisch das Brot brachen. Nahte der Abend und sie nahm Abschied am Horizont, dankten sie ihr für ihre Wärme und alles Fruchtbare, das unter ihr gedieh. Roschan aber ließ die Worte der Sonne zu Haupte seines Thrones in eine goldene Tafel schlagen, damit sie niemals in Vergessenheit gerieten und jeder sie las, der vor ihm stand.

Die Zeit lief unerbittlich. Was sollte sie auch anderes tun. Sie hat die Aufgabe, nichts festzuhalten und doch ist sie Veränderung, wie auch immer sie sich bewegt. Der König nahm sich eine schöne Frau...

 

 

 

 

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MÄRCHENSPIEGEL DER ARAMESH
Barbara Naziri
Ill.: Mario Herla (GreybearMH)
Hokuspokus
Wien: Karina-Verlag 2017, 316 S.
ISBN-10: 396111935X
ISBN-13: 978-3961119356
€ 22,90

 

 

 

 

 

 

 

 

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