Der Dritte König

Der Dritte König

© Barbara Naziri

Bald ist Weihnachten. „Es wird schneien!“, rufen sich die Nachbarn zu und die Kinder schauen sehnsüchtig immer wieder nach oben. Die ersten Flöckchen schweben sacht hernieder, vorbei an dekorierten Fenstern, hinter denen sich manches Kind freudig erregt die Nase platt drückt. Die Flocken werden dicker und schwerer. Fröhlich wirbeln sie durch die Luft, als würden sie einen Reigen tanzen. Behutsam breitet sich eine weiße Decke über die müde Erde. Jo hält nichts mehr auf seinem Stuhl. Die Hausaufgaben sind vergessen. Erregt springt er auf und öffnet das Dachgeschossfenster. Sofort strömt frische Winterluft in den warmen Raum. Kaum ein Geräusch dringt von der Straße nach oben, als verschlucke der Schnee jeden Laut. Sinnend betrachtet Jo die Schneeflocken, die still an ihm vorbeiziehen. Unten in der Dunkelheit scheinen sie sich aufzulösen. Er streckt ihnen die Hand entgegen, als könne er die feinen Gebilde auffangen, die auf seiner warmen Haut schmelzen. Schnee ist für ihn immer noch ein Wunder. Weiße Sterne, die mir der Himmel schenkt, denkt er. Wie schön sie sind und wie zart! Ein Lächeln verzaubert sekundenlang sein klares Gesicht, und für einen kurzen Moment sind Kummer und Nöte vergessen.

’Ach, könnte Mama jetzt bei mir sein – und Ada’, denkt Jo. Sie leben nun in der anderen Welt, oben hinter den Wolken. Sehnsüchtig blickt er in das Schneetreiben. Mama und Ada, seine kleine Schwester. Sie kannten keinen Schnee, denn im Sudan, wo er herkommt, ist es viel zu warm, um zu schneien. Immer wenn die Nacht anbricht, blickt er zum Himmel und winkt den Sternen zu. ...

 

... und wie es weitergeht, erfahrt ihr hier:

Erschienen in NOEL-Verlag 2009
ISBN 978-3-940209-41-2
12,90 €

Anthologie mit Gedichten und Geschichten

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