Leseprobe: Lam, der Kindersoldat

Kinder des Krieges

Eine Leseprobe der hier folgenden Geschichte aus meinem Buch "Vor unserer Tür": Die Geschichte Lam, der Kindersoldat  erhielt 2010 Platz 1 zum Thema "Krieg und Terror", vergeben von der Zeitschrift Media Mania Magazin.
 

Lam, der Kindersoldat
© Barbara Naziri

Draußen schneit es dicke Flocken. Lam springt auf und eilt ans Fenster. Wirkte die Straße vorhin noch grau in grau, scheint sie durch ihr Winterkleid fast wie verzaubert. Ein paar Kinder sind aus dem Heim gelaufen und liefern sich johlend eine Schneeballschlacht. Lam schaut ihnen eine Weile zu. Fremde weiße Welt. „Komm runter“, rufen sie hinauf. Er schüttelt den Kopf. Sinnend blickt er auf die Schneeflocken, die immer dichter und zügiger vom Himmel herunterrieseln. Andere Bilder schieben sich vor sein inneres Auge, Bilder, die er nicht verbannen kann. Sie reihen sich aneinander wie die Schneeflocken dort draußen – erst sanft, dann wirbelnd, immer schneller.

Er schluckt und denkt an Afrika. An den Sudan, seine Heimat. Das Leben dort – Angst und Schrecken. Leben? "Warum?" fragt er sich, und sein Herz krampft sich schmerzhaft zusammen. "Warum lebe ich? Warum nicht sie? Es ging so schnell..." Er fährt sich mit der Hand über die Augen, als wolle er einen Schleier fortziehen. Da sieht er es wieder vor sich, sein kleines Dorf am Fluss. Ockerfarben schimmerte der Nil, wenn die Sonne im Mittag stand. Runde kühle Lehmhütten mit spitzen Strohdächern, umgeben von hohen Bäumen und eingebettet in ein grünes saftiges Tal, auf dem weiße Rinder grasen, der einzige Reichtum der kleinen Gemeinschaft. Doch die Angst geht um, die Angst vor den Soldaten. Eines Tages – Papa ist gerade weg zum Markt, um eine Kuh zu kaufen – geschieht es. SIE kommen von allen Seiten. Es sind so viele! Er stöhnt auf, denn dieses beklemmende Gefühl ist wieder da. Lam spürt sie wieder, diese lähmende Angst, diese Atemlosigkeit. Wild blicken sie um sich, in den Fäusten lange Messer und Gewehre. Hassverzerrte Gesichter, nein Fratzen, die den Tod verheißen. Lam steht da, hypnotisiert, unfähig sich von der Stelle zu rühren. Seine Füße scheinen festgeschraubt, untrennbar mit dem Boden verbunden, als haben sie Wurzeln in die Erde geschlagen. Eine Frau schreit entsetzt auf und reißt ihr Baby aus dem Sand, wo es gerade eben noch sorglos spielte. Ein Schuss… Die Frau zuckt zusammen, den Mund geöffnet zu einem stummen Schrei. Sie sinkt zeitlupengleich in den Staub, die kleine Ada noch in den Armen. Ein Soldat packt Ada mit teuflischem Grinsen, schleudert sie wie ein Wurfgeschoss in die Luft. Ein dumpfer Aufschlag. Bewegungslos liegt sie da, die Glieder seltsam verrenkt. Wie eine zerbrochene Puppe. Lam starrt mit weit aufgerissenen Augen auf das kleine Bündel. Kurz zuvor hat er Ada noch im Arm gehalten. Sie hat gelacht, ihm jauchzend die Ärmchen entgegengestreckt. Er atmet flach: „Das ist ein böser Traum! Lass mich aufwachen… bitte, bitte, lass mich aufwachen!“ schreit eine Stimme tief in seinem Inneren.

Grölen tönt von allen Seiten, als hätte der Höllenschlund sich aufgetan. Lam tost das Blut in den Ohren, ein wilder Fluss, übertönt nur von trunkenem Gebrüll: „Verdammtes Dreckspack! Euch werden wir es zeigen!“ Seine Kopfhaut kribbelt, als wolle sie sich vom Schädel lösen. Ein paar Männer entzünden Lunten und werfen sie auf die Dächer der Hütten. Augenblicklich schlagen Flammen aus dem trockenen Stroh. Ihr Prasseln wird zum Tosen in seinem Kopf, lähmt seine Glieder. Schüsse knallen. Es riecht nach Blut und Tod. Staubwolken tauchen alles in ein verschwommenes Licht. Menschen rennen, schreien, sinken zu Boden, geknickt wie Halme im Sturm. Lam kennt sie alle. Vertraute Menschen, nun leblose Körper, deren Namen der Wind davonhaucht, von niemandem beweint, weil keiner mehr da ist. Plötzlich schreit jemand, schreit, als wolle er sich die Seele aus dem Leib brüllen. Lam bekommt keine Luft mehr. Er ist es selbst, der so grauenhaft schreit. Blankes Entsetzen hat sein Gesicht entstellt. Die Augen wollen ihm aus den Höhlen quellen. Atemlos jappst er nach Luft wie ein Fisch, den man aus dem Wasser zog. Arme umfangen ihn, schützend. Mama, sie ist da, presst ihn fest an ihren Körper. „Mama…“ Da stürmt ein Riese auf sie zu, in der Faust ein langes Messer, und brüllt: „Aus dem Weg, Weib, gib mir den Jungen!“ Der Hüne wirbelt das Messer wild hin und her, als wäre es ein leichter Hirtenstock. Mama weicht keinen Zentimeter. Sie zittert so sehr, dass er kleine Stromstöße verspürt, aber sie umschlingt ihn weiter, stellt sich vor ihn. Da holt das Ungeheuer heftig aus und sticht... sticht einfach zu. „Maaama…!!!“ Er kann ihren Namen nur hauchen, seine Stimme versagt. Blut sprudelt … quillt wie ein roter Bach aus ihrem Leib und trägt ihr Leben fort. Lam sinkt auf die Knie. Die trockene Erde kann den Fluss nicht aufsaugen, bildet einen See, einen Blutsee. Lam keucht. Hilfe… Helft doch… Ein letzter gebrochener Blick aus Mamas lieben Augen, ein Abschiedsgruß. Lam riecht den Schweiß des anderen. Scharf dringt er ihm in die Nase. Lam würgt, erbricht sich. Das Entsetzen raubt ihm fast den Verstand. Roh packt ihn der Riese und schlägt ihm hart ins Gesicht. Er spürt Nasses aus seiner Nase laufen. Aber er fühlt keinen Schmerz. Alles in ihm ist tot.

SIE packen ihn, nehmen ihn mit. Lam kann kaum Schritt halten, er strauchelt. Ein rüder Tritt in den Rücken: „Hundesohn, soll ich Dich abknallen? Wenn Du liegen bleibst, mache ich Dich kalt!“ donnert die grausame Stimme hinter ihm. Dann packt ihn eine derbe Faust im Genick und stößt seinen Kopf in den Staub. „Friss Dreck, wenn du nicht sofort aufstehst!“ Benommen vom Schmerz rappelt Lam sich auf. Er spürt jeden einzelnen Knochen. Doch er weiß, wenn er jetzt liegen bleibt, dann für immer. So setzt er tapfer einen Fuß vor den anderen und läuft blindlings neben ihnen über Felder und Steppen, durch Gestrüpp und über verborgene Dschungelpfade. Seine Haut ist übersät mit blutigen Schrammen. Die Kleidung hängt ihm in Fetzen herab. An seinen Füßen bilden sich Blasen. Aber er läuft, läuft um sein Leben. Die Tür in seinem Inneren hat er verschlossen. ...

 

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Barbara Naziri
Vor unserer Tür - Geschichten und Gedichte zur Menschlichkeit
Hrsg. SternenBlick, Berlin 2017
Verl. BoD, 260 S.
ISBN: 978-3-7448-9423-4


 



 



 

 

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