Lam, der Kindersoldat

Kinder des Krieges

 Die hier folgende Geschichte zur Menschenwürde ist die ausführlichere Fassung zu jener, die den
Wettbewerb zu 'Krieg und Terror' vom  Media Mania Magazin  gewann. Sie erscheint in der
dortigen Augustausgabe 2010 (S. 36-40). Nahtlos daran schließt sich die zweite Gewinnergeschichte
"Der Zug nach Nirgendwo" meiner lieben Autorenfreundin Marianne Schaefer
.

Lam, der Kindersoldat
© Barbara Naziri


Draußen schneit es dicke Flocken. Lam springt auf und eilt ans Fenster. Wirkte die Straße vorhin noch grau in grau, scheint sie durch ihr Winterkleid fast wie verzaubert. Ein paar Kinder sind aus dem Heim gelaufen und liefern sich johlend eine Schneeballschlacht. Lam schaut ihnen eine Weile zu. Fremde weiße Welt. „Komm runter“, rufen sie hinauf. Er schüttelt den Kopf. Sinnend blickt er auf die Schneeflocken, die immer dichter und zügiger vom Himmel herunterrieseln. Andere Bilder schieben sich vor sein inneres Auge, Bilder, die er nicht verbannen kann. Sie reihen sich aneinander wie die Schneeflocken dort draußen – erst sanft, dann wirbelnd, immer schneller.

Er schluckt und denkt an Afrika. An den Sudan, seine Heimat. Das Leben dort – Angst und Schrecken. Leben? "Warum?" fragt er sich, und sein Herz krampft sich schmerzhaft zusammen. "Warum lebe ich? Warum nicht sie? Es ging so schnell..." Er fährt sich mit der Hand über die Augen, als wolle er einen Schleier fortziehen. Da sieht er es wieder vor sich, sein kleines Dorf am Fluss. Ockerfarben schimmerte der Nil, wenn die Sonne im Mittag stand. Runde kühle Lehmhütten mit spitzen Strohdächern, umgeben von hohen Bäumen und eingebettet in ein grünes saftiges Tal, auf dem weiße Rinder grasen, der einzige Reichtum der kleinen Gemeinschaft. Doch die Angst geht um, die Angst vor den Soldaten. Eines Tages – Papa ist gerade weg zum Markt, um eine Kuh zu kaufen – geschieht es. SIE kommen von allen Seiten. Es sind so viele! Er stöhnt auf, denn dieses beklemmende Gefühl ist wieder da. Lam spürt sie wieder, diese lähmende Angst, diese Atemlosigkeit. Wild blicken sie um sich, in den Fäusten lange Messer und Gewehre. Hassverzerrte Gesichter, nein Fratzen, die den Tod verheißen. Lam steht da, hypnotisiert, unfähig sich von der Stelle zu rühren. Seine Füße scheinen festgeschraubt, untrennbar mit dem Boden verbunden, als haben sie Wurzeln in die Erde geschlagen. Eine Frau schreit entsetzt auf und reißt ihr Baby aus dem Sand, wo es gerade eben noch sorglos spielte. Ein Schuss… Die Frau zuckt zusammen, den Mund geöffnet zu einem stummen Schrei. Sie sinkt zeitlupengleich in den Staub, die kleine Ada noch in den Armen. Ein Soldat packt Ada mit teuflischem Grinsen, schleudert sie wie ein Wurfgeschoss in die Luft. Ein dumpfer Aufschlag. Bewegungslos liegt sie da, die Glieder seltsam verrenkt. Wie eine zerbrochene Puppe. Lam starrt mit weit aufgerissenen Augen auf das kleine Bündel. Kurz zuvor hat er Ada noch im Arm gehalten. Sie hat gelacht, ihm jauchzend die Ärmchen entgegengestreckt. Er atmet flach: „Das ist ein böser Traum! Lass mich aufwachen… bitte, bitte, lass mich aufwachen!“ schreit eine Stimme tief in seinem Inneren.

Grölen tönt von allen Seiten, als hätte der Höllenschlund sich aufgetan. Lam tost das Blut in den Ohren, ein wilder Fluss, übertönt nur von trunkenem Gebrüll: „Verdammtes Dreckspack! Euch werden wir es zeigen!“ Seine Kopfhaut kribbelt, als wolle sie sich vom Schädel lösen. Ein paar Männer entzünden Lunten und werfen sie auf die Dächer der Hütten. Augenblicklich schlagen Flammen aus dem trockenen Stroh. Ihr Prasseln wird zum Tosen in seinem Kopf, lähmt seine Glieder. Schüsse knallen. Es riecht nach Blut und Tod. Staubwolken tauchen alles in ein verschwommenes Licht. Menschen rennen, schreien, sinken zu Boden, geknickt wie Halme im Sturm. Lam kennt sie alle. Vertraute Menschen, nun leblose Körper, deren Namen der Wind davonhaucht, von niemandem beweint, weil keiner mehr da ist. Plötzlich schreit jemand, schreit, als wolle er sich die Seele aus dem Leib brüllen. Lam bekommt keine Luft mehr. Er ist es selbst, der so grauenhaft schreit. Blankes Entsetzen hat sein Gesicht entstellt. Die Augen wollen ihm aus den Höhlen quellen. Atemlos jappst er nach Luft wie ein Fisch, den man aus dem Wasser zog. Arme umfangen ihn, schützend. Mama, sie ist da, presst ihn fest an ihren Körper. „Mama…“ Da stürmt ein Riese auf sie zu, in der Faust ein langes Messer, und brüllt: „Aus dem Weg, Weib, gib mir den Jungen!“ Der Hüne wirbelt das Messer wild hin und her, als wäre es ein leichter Hirtenstock. Mama weicht keinen Zentimeter. Sie zittert so sehr, dass er kleine Stromstöße verspürt, aber sie umschlingt ihn weiter, stellt sich vor ihn. Da holt das Ungeheuer heftig aus und sticht... sticht einfach zu. „Maaama…!!!“ Er kann ihren Namen nur hauchen, seine Stimme versagt. Blut sprudelt … quillt wie ein roter Bach aus ihrem Leib und trägt ihr Leben fort. Lam sinkt auf die Knie. Die trockene Erde kann den Fluss nicht aufsaugen, bildet einen See, einen Blutsee. Lam keucht. Hilfe… Helft doch… Ein letzter gebrochener Blick aus Mamas lieben Augen, ein Abschiedsgruß. Lam riecht den Schweiß des anderen. Scharf dringt er ihm in die Nase. Lam würgt, erbricht sich. Das Entsetzen raubt ihm fast den Verstand. Roh packt ihn der Riese und schlägt ihm hart ins Gesicht. Er spürt Nasses aus seiner Nase laufen. Aber er fühlt keinen Schmerz. Alles in ihm ist tot.

SIE packen ihn, nehmen ihn mit. Lam kann kaum Schritt halten, er strauchelt. Ein rüder Tritt in den Rücken: „Hundesohn, soll ich Dich abknallen? Wenn Du liegen bleibst, mache ich Dich kalt!“ donnert die grausame Stimme hinter ihm. Dann packt ihn eine derbe Faust im Genick und stößt seinen Kopf in den Staub. „Friss Dreck, wenn du nicht sofort aufstehst!“ Benommen vom Schmerz rappelt Lam sich auf. Er spürt jeden einzelnen Knochen. Doch er weiß, wenn er jetzt liegen bleibt, dann für immer. So setzt er tapfer einen Fuß vor den anderen und läuft blindlings neben ihnen über Felder und Steppen, durch Gestrüpp und über verborgene Dschungelpfade. Seine Haut ist übersät mit blutigen Schrammen. Die Kleidung hängt ihm in Fetzen herab. An seinen Füßen bilden sich Blasen. Aber er läuft, läuft um sein Leben. Die Tür in seinem Inneren hat er verschlossen.

Das Lager. Wie und wann sie es erreichten – er weiß es nicht mehr. Man gibt ihm Yamsbrei. Die verbeulte Metallschüssel starrt vor Schmutz und der Brei ist Ekel erregend grau. „Wenn Du leben willst, dann friss!“ brüllt man ihm ins Ohr. Lam hat Hunger, doch er bringt nichts herunter, sondern sinkt wie ein Stein zu Boden, wo er wie betäubt liegen bleibt. Am nächsten Tag wird er unsanft aus einem gnädigen Halbschlaf gerüttelt. Eine harte Hand hat ihn gepackt. Es ist wieder der Riese. „He, Du Balg, steh auf! Jetzt lernst Du Deine Braut kennen!“ dröhnt seine höhnische Stimme. Lam spürt jeden Knochen im Leibe, ist willenlos wie eine Gliederpuppe. Derb reißt ihn der Pockennarbige mit einer Hand empor, die andere Hand umkrampft ein Gewehr. „Zum Teufel, was bist Du denn für ein magerer Stock?“, knurrt der Kerl und mustert ihn verächtlich aus zusammengekniffenen Augen. „Jetzt pass gut auf, wenn dir dein Leben lieb ist!“ Was nun verlangt wird, ist so furchtbar, dass Lam sich sehnlich wünscht, er wäre tot wie Mama. Jeden Tag – und es folgen viele Tage – lernt er, diese Waffe zu handhaben. Sie ist so schwer. Lam kann sie kaum halten. Wenn seine Hände ermüden, gibt es Schläge mit der Knute, einer kurzen Peitsche, die blutige Striemen auf seiner Haut hinterlässt. Das brennt wie Feuer. Schreit Lam, legt dieser Teufel nochmals nach und verpasst ihm einen weiteren Schlag. So lernt er, seinen Schmerz zu beherrschen und nicht laut hinauszuschreien. Passt er nicht gut auf, lassen sie ihn hungern. Mittlerweile isst Lam das Yams, weil der Hunger seinen Magen aushöhlt und weh tut. Ob er will oder nicht: Er ist Soldat – Kindersoldat – einer von DENEN, denn nun muss er töten wie SIE. Lam gibt ihnen niemals Namen, auch dann nicht, als er ihre Namen kennt. Sie haben ihm alles geraubt, was ihm wichtig war, sein Zuhause, seine Mutter, ihre Liebe, die Geborgenheit der Familie... sich selbst.

Die Erinnerung an Matsemela sticht ihn wie ein Stachel ins Fleisch. Die Vorräte im Lager sind aufgebraucht. SIE beschließen, Matsemela auszurauben. Am frühen Morgen fallen sie über die noch schlafenden Menschen her. Lam vermeidet den Blick in entsetzte Augen, schließt die Ohren vor den Schreien ängstlicher Mütter. Sein Heimatdorf, er darf nicht daran denken. Die Beute ist gering. Da packt die Meute der Zorn. SIE erschlagen drei Männer und hängen sie an den Füßen auf dem Dorfplatz auf. Zur Abschreckung! rufen sie höhnisch. Plötzlich stürmt ein großer Junge auf ihn zu und schreit: „Für meinen Vater!“ In der Hand hält er eine Machete. Da schießt Lam das erste Mal. Er hat einfach Angst. Dann läuft er davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Läuft vor dem Grauen und sich selbst davon.

Zarte Schneeflocken schweben an ihm vorbei. Nur einen kurzen Moment nimmt er sie wahr. Papa, flüstert er, wo bist du jetzt? Wann sehe ich dich wieder? Seine Augen werden feucht. Dann richtet sich sein Blick wieder nach innen.

Er sieht das ehemalige Lager deutlich vor sich, als sei er gerade noch dort gewesen. Ein paar abgewrackte farblose Wellblechhütten, in denen es so stickig ist, dass einem der Atem stockt. Und doch musste er dorthin immer wieder zurückkehren. Wohin hätte er denn sonst gehen sollen? Um den Lagerplatz zieht sich gewundener rostiger Stacheldraht als Schutzwall gegen wilde Tiere und Menschen. Keiner darf ungesehen hinein, keiner hinaus. Die damit verbundene Erinnerung liegt wie schweres dunkles Tuch auf seiner Seele, treibt Lam Tränen in die Augen. Jede Nacht überfällt ihn der gleiche bleierne Schlaf und morgens erwacht er mit Grausen. Niemand ist da, der ihn tröstend in die Arme nimmt, niemand, mit dem er über sein Leid sprechen kann, niemand, der ihm die schrecklichen Träume verscheucht. Um es zu ertragen, schafft er sich seine eigene Welt, schlüpft wie eine Raupe in einen Kokon. Hier lebt er mit Mama. In seinen Gedanken lebt sie und lacht mit ihm. Einmal hat sie zu ihm gesagt: ’Ich bin immer bei dir, auch wenn der große Gott mich zu sich nimmt. Dann leuchte ich für dich als Stern vom Himmel herunter.“ Jeden Abend schweift sein Blick hinauf und leise flüstert er: ’Mama, ich habe dich lieb…’ und dann ein winziges Fünkchen Hoffnung in seinem Herzen, bewahrt wie eine kostbare Blume. ’Papa. Papa findet mich bestimmt. Papa holt mich hier raus.’ Jeden Abend betet er still, flüstert seinen Wunsch in die Nacht. Bleiern vergeht die Zeit.

Plötzlich steht sein Vater eines Nachts vor ihm. Müde und mager. Noch bevor Lam einen Freudenschrei ausstoßen kann, verschließt ihm seine Hand den Mund. „Pst, Junge, wenn sie erwachen, sind wir verloren.“ Dann umarmt er ihn so fest, als wolle er ihn nie wieder loslassen. Lams Herz jubelt. Sein Vater hat ihn endlich, endlich gefunden. Er hat ihn nie vergessen, hat immer an ihn gedacht. Sie verlieren keine Zeit. Geduckt, jede Deckung nehmend, schleichen sie sich heimlich davon, heraus aus der Hölle.

Lam lächelt leise, als er an damals denkt. Sechs Monate hat sein Vater nach ihm gesucht – so erzählt er später – ist von Lager zu Lager geirrt, bis er herausfand, wo er war. ’Wie lieb habe ich ihn doch’, denkt er. Papa führt ihn zu einer Bresche. Gemeinsam schlängeln sie sich hindurch. Die Angst, von den Soldaten eingeholt zu werden, lässt Flügel an ihren Füßen wachsen. Der Dschungel schläft nicht. In der grauen Finsternis scheinen sich Bäume und Büsche in lebendige Wesen zu verwandeln, die sie mit ihren Zweigen halten und nicht freigeben wollen. Die Rufe der Tiere klingen in der Dunkelheit bedrohlich. Sie laufen Hand in Hand, sie haben ihren Takt gefunden. 1…2…1…2… Gegen Morgen rasten sie am Rande eines Dorfes. Das dichte Gestrüpp sorgt für Sichtschutz. Die Menschen sind arm und könnten sie für ein paar Piaster verraten. ’Schau nur, welch ein Glück. Dort weiden ein paar Ziegen.’ Sie legen sich darunter und melken sich die Milch direkt in den Mund. Wie köstlich sie schmeckt, wie sie die müden Glieder wieder kräftigt.

Von nun an werden sie vogelfrei. Sie laufen über verbrannte Erde und begegnen Hunger und Leid. Oft werden sie vertrieben wie zwei heimatlose Hunde, weil die Menschen sich fürchten und selbst nichts haben, um zu teilen. Ein Ende von Angst und Schrecken ist nicht abzusehen. Viele Menschen sind auf der Flucht. Einige sagen: „Wir gehen nach Europa. Dort sind wir sicher.“ Jemand rät: „Deutschland hilft den Flüchtlingen. Wenn dort ein Mensch Asyl begehrt, darf man ihn nicht zurückweisen, und er muss aufgenommen werden. Das erzählt man sich überall. Es ist ein wohlhabendes Land, und wenn ihr fleißig seid, könnt ihr dort gut leben.“ Da fasst Papa den Entschluss: „Wir verlassen unsere Heimat und gehen über das Meer, dorthin wo Frieden herrscht – nach Europa.“ Aber das kostet Geld und muss erst einmal verdient werden. Sie verdingen sich als Landarbeiter oder arbeiten in Fabriken. Zufällig erfahren sie, dass man durch Botendienste schnell ein kleines Vermögen anhäufen kann. Doch es ist gefährlich, Depeschen zwischen rivalisierenden Lagern hin- und her zu schmuggeln. Darum trauen sich nur Wenige diese Arbeit zu. Wird man erwischt, ist der Tod gewiss. Mit Verrätern macht man kurzen Prozess. Papa sieht Lam ernst an: „Höre Sohn, es ist auch deine Entscheidung. Ich will ehrlich sein, tun wir es nicht, sind wir früher oder später tot. So haben wir wenigstens eine kleine Chance. Sie müssen es wagen. Da gibt es nichts mehr zu überlegen.

Die Angst, diese böse Feindin, begleitet sie nun schon über Wochen. Sie ist allgegenwärtig. Sie sitzt im Herzen, in dem sie es sich gemütlich eingerichtet hatte, verfolgt sie im Schlaf, und wenn sie wach sind, klebt sie an ihren Füßen. Sie haucht ihnen ihren kalten Atem in den Nacken und lässt ihren Blick unstet schweifen. Aus Wochen werden Monate, bis sie das Geld zusammen haben, um einen Schlepper zu bezahlen. Der beschwerliche Weg quer durch den Sudan ist unvergessen. Sie tun alles, um voranzukommen, mal zu Fuß, mal auf Lastwagen oder mit dem Bus. Ihr Ziel ist Dunqula, die Stadt am Nil. Mit der Dau, einem schweren einmastigen Segelschiff, segeln sie auf dem Fluss weiter. Der Wind bläht das große braune Segel und die Dau gleitet zügig über den trägen Nil, als wäre sie ein Vogel. Hier draußen ist alles ruhig und friedlich. Lam liegt mit Papa auf Deck und genießt es, den Himmel zu betrachten. Ein Kranichschwarm zieht über sie hinweg. Dabei stoßen die Vögel Schreie aus, wie um sie zu begrüßen. Die Fahrt ist viel zu schnell zu Ende. In Wadi Halfa müssen sie das Schiff verlassen, um auf dem Landweg über die Grenze zu gelangen. Lam verlässt die Dau nur widerwillig und verweilt einen Moment andächtig vor dem Sonnenuntergang, der den Fluss in sanftes Gold taucht. Nun sind es Geier, die über ihnen kreisten. Ägypten ist greifbar nah.

Als sie im Morgengrauen die ägyptische Grenze erreichen, klopft Lams Herz so wild, dass er glaubt, ein jeder könne es hören. Tocktocktock-tocktocktock. Doch keine Menschenseele lässt sich blicken. Alles bleibt ruhig. Salva hat dem Grenzer ein ordentliches Bakschisch für sein Wegsehen gegeben. Nur der Chamsin, der heiße Wüstenwind, weht dicke gelbe Wolken vor sich her, als wolle er den Flüchtlingen durch schlechte Sicht Schutz gewähren. Aufatmend sinken sie sich in die Arme. Doch es ist keine Zeit zu verlieren. Der erste Schlepper erwartet sie schon in einem rostigen Lastwagen. Flugs steigen sie ein. Der Wagen holpert klappernd über die Savanne, eine riesige Staubwolke hinter sich lassend. Innen ist es brütend heiß. Die Sonne brennt gnadenlos auf sie nieder. Als sie in der Dämmerung Aswan erreichen, bringt der Schlepper sie zu einem Nilschiff. Der Schiffseigner, ein feister Araber mit einem Pockengesicht, begutachtet sie, als wären sie zwei Maulesel. So ohne weiteres will er sie nicht mitnehmen. Nach einigem Hin und Her heuert er sie, scheinbar widerstrebend, für einen Hungerlohn an. Die Arbeit an Bord ist hart. Sie schuften von früh bis spät fallen abends müde auf die nackten Planken, um ein paar Stunden zu ruhen. Zu essen gibt es nur eine Mahlzeit am Tag und die ist karg. Die arabische Besatzung behandelt sie unfreundlich. Flüchtlinge, noch dazu schwarze, sind unbeliebt. Die Fahrt auf dem Schiff scheint kein Ende zu nehmen.

Lams Blick verfinstert sich. Er starrt auf die wirbelnden Flocken, die unermüdlich an ihm vorbeiziehen. Er presst seine Stirn gegen die kalte Fensterscheibe. Papa…

Endlich. Als sie in Alexandria eintreffen, sind sie erschöpft. Welch eine riesige Stadt! Staunend blicken sie auf die weit gestreckte Vier-Millionenmetropole. Nie zuvor haben sie eine so große Stadt gesehen. Doch es ist keine Zeit zu verlieren. Nun heißt es, den Schlepper zu finden, der sie zu dem Frachter bringen soll. Im Hafen wimmelt es von Menschen. Sie müssen sich durch ein Menschenknäuel wühlen, um vorwärts zu kommen. Wie gut, dass ihnen der Schlepper den Treffpunkt, ein altes Teehaus, so gut beschrieben hat. Er erwartet sie bereits.
„Heute Nacht bringe ich euch zum Frachter, der nach Hamburg ausläuft“, informiert er sie. „Zwei Matrosen, die im Maschinenraum arbeiten, sind eingeweiht. Sie verlangen allerdings mehr als ausgemacht.“ Sein lauernder Blick huscht von einem zum anderen. Lam greift nach der Hand des Vaters. Papa weiß, ihm bleibt keine Wahl. Er nickt.
„Noch etwas!“, ruft ihnen der Schlepper hinterher. „Wenn man euch erwischt, werdet ihr über Bord geschmissen. Also seht euch vor!“
An Bord versteckt man sie in einem engen Raum unter Deck, in dem sie sich kaum ausstrecken können. Nur nachts dürfen sie eine halbe Stunde nach oben.

Lam runzelt die Stirn. Es hat aufgehört zu schneien. Er haucht gegen die Scheibe und als sie sich beschlägt, malt er kleine Figuren. Die abenteuerliche Flucht über das Meer hat er in die hinterste Gedankenschublade verbannt. Doch sie lässt sich nicht verschließen.

Zwei Wochen sind sie bereits auf dem Meer. Doch Lam scheint es wie zwei Jahre. Unter Deck ist die Luft stickig. Es stinkt. Mitunter huschen ihnen Ratten über die Füße. Sie wissen nie, ob es Tag oder Nacht ist, denn hier unten herrscht immer Dunkelheit. Wenn sie müde sind, schlafen sie auf dem nackten Boden. Ihre Notdurft verrichten sie in einem Eimer. Ab und zu stecken ihnen die Matrosen etwas Brot zu und einen Krug Wasser. Doch satt werden sie nicht. Auch der Durst brennt in ihren Kehlen. Sie verlieren das Gefühl nicht nur für die Zeit, sondern auch für den Raum. Lam fiebert. Die Hitze seines Körpers ist durch das bisschen Wasser kaum zu löschen. Eine tiefe Müdigkeit hat ihn erfasst und er würde am liebsten nur noch schlafen. Da stürzt plötzlich ein Matrose die schmale Stiege zu ihnen herunter. „Heute Abend treffen wir in Hamburg ein. Dann lassen wir euch raus!“, sagt er und stellt einen Krug Wasser neben sie. Dann eilt er genauso schnell wie er kam wieder davon. Beide seufzen erleichtert auf. Mit der Hoffnung kommt auch die Kraft ein wenig zurück. Spätnachts schleichen sie mit den Matrosen heimlich an Land. Plötzlich sind die Matrosen grußlos in der Dunkelheit verschwunden. Obwohl sie an Land stehen, scheint der Boden unter ihren Füßen noch immer zu schwanken. In diesem Moment schwört sich Lam, nie wieder ein Boot zu besteigen.

Als die Zöllner sie ergreifen, sagen sie das Zauberwort ’Asyl’. Mit diesem Wort erhalten sie erst einmal eine Anhörung. Der Beamte stellt ihnen nach einer langen Befragung eine Duldung aus.

„Ihr kommt jetzt in ein Lager“, übersetzt der Dolmetscher. „Die Stadt dürft ihr allerdings nicht verlassen. Das ist strafbar, solange euer Aufenthalt nicht gewiss ist“, wirft der Beamte ein. „Ihr habt euch alle drei Monate bei mir zu melden!“

Er telefoniert ein paar Mal, um die Einweisung in ein Lager zu ordern. Wieder ein Lager, denkt Lam, und eine leise Furcht beschleicht ihn. Er atmet auf, als ihnen der Verwalter ein Zimmerchen zuweist. Hier gibt es zu essen und niemand bedroht sie. Doch sie fühlen sich wie Außenseiter. Hier leben Menschen aus den verschiedensten Ländern. Alle reden in unterschiedlichen Sprachen. Oft gibt es Streit zwischen den verschiedenen Gruppen, denn jeder hat seine eigene Kultur und will sie unbedingt durchsetzen. Das ist schwer zu ertragen. Papa ist unglücklich. Er hat gedacht, er könne in Deutschland sofort arbeiten, egal was. Stattdessen sitzt er in dem kleinen Raum und starrt die Wände an. Das ist nicht gut, weder für ihn noch für Lam. Die Sprache ist so schwer zu lernen, aber niemand ist da, der ihnen Unterricht gibt. Dafür ist kein Geld da, hat der Beamte gesagt. Papa ist froh, dass man in Deutschland auch Englisch versteht. So kann er sich zumindest verständlich machen. Manchmal werden Menschen von Polizisten aus dem Heim geholt und kommen nicht zurück. Sie werden abgeschoben, heißt es, weil ihnen das Bleiberecht verweigert wird.


Lam fühlt sich unsicher genau wie sein Vater. Das Gefühl, nirgends hinzugehören, bedrückt beide zugleich. Nach wie vor begleitet die Furcht sie auf dem Weg zur Ausländerbehörde. Erst einmal müssen sie eine große Schranke passieren, an der Uniformierte die Wartenden kontrollieren. Es gibt nicht genug Platz für alle. Die Flure sind überfüllt, als wolle die ganze Welt Einlass begehren, denn auch die Menschen sehen verschieden aus. Niemand lacht. Hier riecht es nach Schweiß und Angst. Die Stimmung ist gedämpft, die Blicke der Menschen auf den Boden gerichtet. Lams Herz klopft ihm bis zum Hals. Ihre Duldung müssen sie regelmäßig verlängern, sonst machen sie sich strafbar. Nie weiß man, ob der unfreundliche Beamte, der immer überarbeitet und abwesend wirkt, wieder den Stempel auf das Papier setzt. Bereits das letzte Mal hat er gedroht, es nicht zu tun. Lam presst die Lippen zusammen, als sie aufgerufen werden. Hand in Hand geht er mit seinem Vater durch die hohe Tür. Der Beamte hebt den Blick und mustert sie kühl. „Wir haben Ihre Unterlagen einer genauen Prüfung unterzogen, Herr Abo“, wendet er sich an Lams Vater. Der Beschluss steht fest. Ihr Sohn Lam Abo kann bleiben, aber Sie müssen gehen!“

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