Barbara Naziri - Literaturgarten der Aramesh

Iran 2016 - Podiumsdiskussion -Chance auf Wandel?


von links: Bahman Nirumand, Barbara Naziri (IMUDI) und als Gast Freimut Duve.
Ein Wiedersehen nach langer Zeit.


Barbara Naziri: Wir kannten und schätzten uns aus unseren Aktivitäten um die Menschenrechte. Was mich berührte ist, dass Bahman Nirumand und Freimut Duve sich seit ihrer Kindheit kennen und zusammen das Internat in Stuttgart besucht haben. Ihre Freundschaft währt Jahrzehnte. Es war schön, auf beide Urgesteine, die ich bisher nur getrennt antraf, gemeinsam zu treffen.

 

OMID heißt HOFFNUNG


Iran 2016 – Chance auf Wandel und Annäherung?
Ausschnitte einer Podiumsdiskussion

 

Seit der islamischen Revolution von 1979 war das Verhältnis zwischen dem Iran und dem Westen von gegenseitiger Dämonisierung geprägt: hier der Iran an der Spitze der „Achse des Bösen“, dort der verdorbene, auf die Unterjochung der islamischen Welt fokussierte Westen. Der erfolgreiche Abschluss des „Atomdeals“ im Juli 2015 hat Bewegung in diesen scheinbar unlösbaren Konflikt gebracht. Besonders von Ökonomen wird der Iran durchweg als Zukunftsmarkt betrachtet. Realität oder Wunschdenken? Und abgesehen vom Zugang zu westlichen Konsumgütern – was hat der „Atomdeal“ den Menschen vor Ort, etwa in Sachen Menschenrechte, gebracht?

Musik, Malerei, Gedichte – auch das ist Iran. So trug Sara Sadeghi, begleitet von Amin auf seiner Gitarre, zu Beginn der Podiumsdiskussion zwei Lieder aus dem Iran vor, die die Seele eines verletzten Volkes preisgeben: Sar omad zemestoon (Der Winter ist vorbei) und Ayrılık (Trennung). Sar omad zemestan entstand zur Zeit der Grünen Bewegung und hat eine schmerzvolle Wunde hinterlassen. Ayrılık spricht vom Verlassen der Geliebten, der Heimat.


Sara Sadeghi und Amir

Johannes von Dohnanyi gab eine kurze Einführung über die gegenwärtigen Zustände im Iran und dann erfolgte die Vorstellung der Diskussionsteilnehmer. Dabei wurden kurz die Hintergründe der Beteiligten angeschnitten. Mit Bedauern wurde zur Kenntnis genommen, dass der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte Christoph Strässer unsere Veranstaltung abgesagt hat. Inzwischen wurde bekannt, dass er von seinem Amt zurückgetreten ist, weil er sich nicht mehr in der Lage sah, es würdig auszuüben. Der Grund hierfür liegt im Asylpaket II, für das sich unserer Politik eingesetzt hat und das nun in Kraft tritt - und somit auch ein weiterer Verstoß gegen die Menschenrechte.                           Moderator Johannes von Dohnanyi

Markus Ruschke                                             Pastorin Corinna Schmidt


 

Die mennonitische Pastorin Corinna Schmidt, Leiterin des Ökumenischen Forums in der Hafen-City, sprach einen Willkommensgruß. Dabei bedankte sie sich bei allen Mitwirkenden namentlich für die gute Zusammenarbeit.

Markus Ruschke von der Konrad-Adenauer-Stiftung, Schirmherrin unserer Veranstaltungs-reihe „Omid heißt Hoffnung“, hielt eine kurze Ansprache, wobei er auf die sich steigernden Hinrichtungen des Jahres 2015 im Iran verwies.

Moderator Johannes von Dohnanyi hielt einen kurzen Überblick über die jetzigen Zustände im Iran, wobei er nicht an berechtigter Kritik sparte. Sichtlich schwer tat er sich mit dem Obertitel „Omid heißt Hoffnung“ unserer Veranstaltung. Darum stellte er die Frage an Herrn Bahman Nirumand sowie an Frau Soudabeh Ardavan, ob denn dieser Titel  nicht konträr zu den Menschenrechtsver-letzungen im Iran stünden, was beide verneinten. Beide meinten überein-stimmend, die Hoffnung liege im Volk. Nur das könne Veränderungen herbei-führen.
                                                                                                   Ehsan Mehrabi mit Johannes von Dohnanyi 
  
Ehsan Mehrabi erläuterte seine Analyse der kürzlich stattgefundenen Parlaments-wahlen im Iran. Dabei betonte er, dass der Aufbau der Wahlen aus Hardlinern und sogenannten Reformern weiterhin wenig Demokratie verspräche. Die Hoffnung ruhe auf der Öffnung zum Westen, was der Parlamentspräsident Khamenei ständig zu verhindern versuche. Aber der Druck von innen seitens der Bevölkerung sei zu groß, was wiederum Hoffnung gäbe. (Ehsan Mehrabi arbeitete 15 Jahre lang als Parlamentsjournalist in Teheran. Im Februar 2010 wurde er verhaftet und unter anderem wegen seiner Zusammenarbeit mit ausländischen Medien zu einer einjährigen Gefängnis-strafe verurteilt. Danach entschloss er sich zur Flucht über die Türkei nach Deutschland. Seit drei Jahren lebt er in Berlin.)
Soudabeh Ardavan, bekannt als Malerin durch ihre Zeichnungen, mit denen sie ihre Gefängnisaufenthalte dokumentierte, wurde vom Moderator über ihre Empfindungen dabei befragt. Sie sprach über ihre Einzelhaft und die damit verbundene Einsamkeit. "Das Gefühl, mit Wänden allein zu sein, ist schrecklich. Von oben drang Licht in den Raum und eines Tages sah ich einen Schatten. Meinen Schatten. Ich sah ihn überall und so begann ich, seine Konturen mit meinem Bleistift an die Wände zu zeichnen und ich sprach zu ihm: Du wirst auf sie aufpassen! Und so begann mein Aufenthalt mit den Schatten. Ich baute aus meinen Schatten das Leben.“

Bahman Nirumand, befragt zum Konflikt im Nahen und Mittleren Osten, entgegnete: „Es ist Propaganda, den Konflikt auf Syrien und Irak zu reduzieren. Hier stehen sich die USA, Deutschland, Frankreich und Russland gegen-über.“ Zu den Reformen sagte er: „Wenn wir von moderaten Politikern sprechen, dann meinen wir diejenigen innerhalb des islamischen Lagers. Die sogenannten Mode-raten sind nur die mildere Form im Vergleich zu den Hardlinern. Verbrechen und Abscheu-lichkeiten bleiben bestehen. In dieser Hinsicht müssen wir die Euphorie dämpfen. Meine Hoffnung ist das Volk. Es wählt stets die fortschrittlichere Variante. Omid ja! Auch wenn der Weg dorthin weit und beschwerlich ist.“
Soudabeh Ardavan entgegnete dazu, Rohani führe durch eine Scheindemokratie. Sie selbst glaube nicht an Verbesserungen. Rohani habe keine Versprechen eingehalten und die Anzahl der Hinrichtungen habe während seiner Zeit ständig zugenommen.


Soudabeh Ardavan                                                                                                                    Bahman Nirumand

Bahman Nirumand: „Im Iran herrscht eine Wirtschaftskrise aufgrund der Sanktionen und der Korruption im ganzen Land. Insofern musste Iran handeln und das Atomabkommen abschließen. Khamenei hat stets betont, nur über das Atomabkommen zu verhandeln. Ausländische Investoren müssen ins Land und damit zwangsläufig auch westliche Kultur. Das ist für die Macht-haber ein Dilemma. Wenn die westliche Kultur Einfluss gewinnt, dann verliert die Islamische Republik ihre totale Legitimation. Diese Wirtschaftskrise hat das ganze System getroffen, sowohl Hardliner als auch Reformer. Die Islamische Republik besteht aus Mord – Korruption – Kleptomanie. Geschäfte werden abgeschlossen ohne die Berücksichtigung der Menschenrechte. Die Islamische Republik ist ein Widerspruch – entweder Republik oder Gottesstaat. Seit 35 Jahren versuchen die Mullahs das Land zu islamisieren, aber die Menschen sind und setzen sich durch. Die Frauen sind selbstbewusst. Sie haben die Gesellschaft für sich erobert und sitzen beruflich in allen Stellen.“

Soudabeh Ardavan mit Dolmetscher Yazdan

Soudabeh Ardavan wird befragt, ob sie ihr Exil in Schweden, in dem sie immer-hin schon 25 Jahre lang lebe, bei einer Änderung der politischen Verhältnisse im Iran verlassen würde. Was heißt verlassen? Zurzeit bin ich Weltbürgerin. Ich habe in Schweden Fuß gefasst und fühle mich dort wohl. Aber ich würde Iran natürlich besuchen, wiedersehen – am liebsten hin- und herreisen zwischen beiden Ländern.
Bahman Nirumand: „Das Bild über Iran hat sich innerhalb weniger Wochen verändert. Es ist fort vom Igitt- und Schurkenstaat und weg von der Achse des Bösen. Plötzlich wird Iran wieder respektiert und die Politiker aller Länder geben sich die Tür in die Hand – ganz vorn die deutschen Politiker – um gute Geschäfte zu machen. Doch die Lage der Menschenrechte wird kaum erwähnt.


Johannes von Dohnanyi befragt Hady Talakoub zu „IMUDI – Initiative Menschenrechte und Demokratie – Iran“, die er zusammen mit Barbara Naziri gegründet hat.

Johannes von Dohnanyi
Hady Talakoub

„IMUDI besteht seit 2009, seit dem Scheitern der Grünen Bewegung. Gemeinsam setzen wir uns dafür ein, dass im Iran ein demokratisches System ein-geführt wird, das die Rechte des Einzelnen achtet und gewährleistet. Dies gilt ebenso für den Nahen und Mittleren Osten. Wir solidarisieren uns mit dem iranischen Volk und versuchen mit unseren Aktio-nen und unserem Wirken, die Weltöffentlichkeit auf die Lage im Iran aufmerksam zu machen.“
Auf die Frage des Moderators, wie das vor sich gehen könnte, antwortet er: „Wir setzen uns für die Freilassung politischer Gefangener ein, und zwar auch über Netzwerke in geschlossenen Chaträumen, wo wir auf Oppositionelle treffen, die offen ihre Meinung äußern und ihre Einschätzungen zur gegenwärtigen Lage geben.“ Auf die Frage, ob er Namen preisgeben könne, antwortet er mit einem klaren „Nein“. Menschenleben dürfen nicht in Gefahr gebracht werden, denn die Arme des Islamischen Staates greifen weit über Grenzen hinweg.

Zum Abschluss des Abends konnten wir uns noch einmal an dem Gesang von Sara Sadeghi erfreuen.

 

Teilnehmer:
Bahman Nirumand (Publizist),
Ehsan Mehrabi (ehem. Parlamentsjounalist Teheran),
Markus Ruschke (Konrad Adenauer Stiftung Hamburg),
Soudabeh Ardavan (Künstlerin),
Hady Talakoub (IMUDI - Initiative Menschenrecht und Demokratie Iran)
Moderation: Johannes von Dohnanyi
Musik: Sara Sadeghi (Gesang) und Amin (Gitarre)

 

Die Podiumsdiskussion fand statt am 1. März 2016
Ökumenisches Forum HafenCity
Shanghaiallee 12 - 14
20457 Hamburg

© Barbara Naziri (Bericht und Bilder)

 

 

 

 

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