Iranischer Frühling

Iranischer Frühling
© Barbara Naziri

Die wilden Tulpen blühen im Verborgenen. Gedankenverloren sitze ich auf der Dachterrasse und knabbere an meinem Dattelkeks. Von hier oben habe ich einen weiten Blick auf die Stadt, die sich in der Ferne verliert, denn die Dunkelheit streicht wie eine schwarze Katze um die Häuser. Der Himmel über Teheran zeigt sein Sternenlächeln, unbeeindruckt von dem künstlichen Lichtermeer unter ihm. Wie würde die Botschaft der Moralwächter an den Abendstern lauten? Etwa: „Achtung! Achtung! Teheran an Venus. Hier spricht das Komitee für Tugend und Kleiderordnung. Bedecken Sie umgehend ihre Blöße!“ Solche Schilder stehen bei uns sogar in den Parkanlagen. Blödes Geschwätz von ein paar vertrottelten alten Greisen, die das Wort Lust nicht einmal buchstabieren würden. Trotz alledem quält mich der Abschied. Der Nachtwind haucht mir einen Kuss auf die Wange. Dann wiegt er sich in den Zweigen der Platane und säuselt durch die Blätter ’Zeit ist Veränderung’. Die Zeit ist momentan meine Feindin. Sie ist mir vorausgeeilt und hat mit einem Fingerschnipsen vier Wochen im Nu vergehen lassen.

Der Wunsch, das Norusfest im Kreise meiner Familie zu feiern, beherrschte mich seit Wochen. Ich lebe gern in Europa. Doch manchmal fühle ich mich behindert, so als bremse mich ständig jemand aus. Saeid, meinem Liebsten, geht es ähnlich. Ich fragte mich, woran es liegt, bis mir klar wurde, dass mir ein Teil meiner Kultur, der Tradition, selbst der Sprache abhanden gekommen ist. Saeid und ich sprechen fast nur Deutsch miteinander, als hätten wir alle Brücken hinter uns abgebrochen. Das bedrückt mich. Darum zieht es mich magisch dorthin, wo alle Iraner vereint sind, zum Norus. Sein Ursprung findet sich an der Wiege Zarathustras, als die Perser vor der Sonne knieten und das heilige Feuer in ihren Tempeln brannte. Dem Norus sind wir Iraner treu ergeben. Wir haben es uns nicht nehmen lassen, weder von den Arabern, die uns islamisierten, noch von den Unterdrückern und Ayatollahs, die ihnen folgten. So feiern wir ausgelassen wie die Kinder die 'Wiedergeburt des Jahres' mit der Tagundnachtgleiche, dem Frühlingsanfang. Unsere Zeitrechnung richtet sich nach dem Sonnenjahr, so wie die 'Wiedergeburt des Tages' mit der östlichen Morgenröte beginnt. Das macht uns zum Morgenland.

Wie ein Schmetterling schwebt die Vorfreude durch die Stadt und zaubert auf jedes Gesicht ein Lächeln. Fröhlich rufen die Menschen einander Segenswünsche zu. Der Koloss Teheran versteckt sein Alltagsgrau unter festlichen Blumengirlanden und wartet darauf, dass die tanzenden Goldfische das Neue Jahr verkünden. In den Gassen erscheint Hadji Firus, rot gekleidet mit geschwärztem Gesicht, um Freude auf Norus zu verbreiten und den Menschen ein Lachen zu entlocken. Es heißt, jedes Lachen bringe eine Blume zum Blühen. Noch bevor ich ihn zu Gesicht bekomme, kann ich ihn hören, denn er schlägt kräftig sein Daf, ein großes Tambourin. Seine schnarrende Stimme, mit der er einen Eunuchen imitiert, hallt weit über den Platz. Nun hat Hadji Firus mich entdeckt und kommt singend angehüpft, wobei er sein Gesicht zu lustigen Grimassen verzieht. Als ich von seinem Schabernack genug habe und die Flucht ergreifen will, bewirft er mich mit Süßigkeiten.

Unser Haus liegt im Norden Teherans, in der Nähe der Vali Asr, der bekanntesten Straße der Stadt, die von wuchtigen Platanen gesäumt wird. Ihr Name – Prinz der Zeit – könnte nicht passender gewählt sein, denn sie hat Herrscher kommen und gehen sehen. Wie eine Lebensader zieht sie sich 20 Kilometer quer durch den Körper von Teheran. Hier protestierten die Menschen gegen den Schah und die ungeliebten Besatzer, die Islamische Revolution hat hier gewütet, und jedes Mal, wenn Menschen sich verbünden, um gegen das Regime aufzubegehren, finden sie sich auf dieser Straße wieder ein. ...

  • Broschiert: 512 Seiten
  • Verlag: TWENTYSIX; Auflage: 1 (11. November 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3740706686
  • ISBN-13: 978-3740706685

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