Die Waffe des Schwarzen Todes - Teil 1

Die Waffe des Schwarzen Todes
© Barbara Naziri

  

„Heiliger Vater im Himmel, erbarme dich,
denn großes Elend ist über uns gekommen.
Der Schlund der Hölle hat sich geöffnet.
Sein Pesthauch lässt deine Kinder und ihre Kindeskinder
bei lebendigem Leibe dahinfaulen.
Wende deinen Blick nicht ab von denen,
die vor dir ihre Häupter in Demut senken und erhöre unser Flehen.
Führe uns aus dem Reich der Finsternis
und lass dein Licht der Gnade über uns leuchten.
Amen!“

 

Unentwegt klingt jenes verzweifelte Stoßgebet in seinen Ohren. Leonardo verbirgt das Gesicht in den Händen. Im Geiste sieht er die hagere Gestalt des Priesters vor sich. Der dunkle Mantel, der die Lenden umschlang, ließ ihn leibhaftig wie den Gevatter Tod erscheinen. Seine Augen glänzten fiebrig und verliehen dem asketischen Gesicht etwas Visionäres. Still war die Schar zuvor unter dem Leichentuch hervor gekrochen, das sich in Windeseile über der Stadt ausbreitete. Die letzten Handelsschiffe hatten den Hafen übereilt verlassen und ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich nach Tana durchzuschlagen, um sich von dort aus nach Genua einzuschiffen. Ihr Weg war lang und entbehrungsreich. So blieb es nicht aus, dass mancher entkräftet zurückblieb und in der Einöde dem Tode geweiht war. Auf der Steilküste war der Priester plötzlich auf einen Vorsprung getreten. Dort verharrte er eine Weile still und streckte dem Himmel flehend beide Arme entgegen, während der Wind ihm durch das lange Haar fuhr. Seine bleichen Finger umschlossen das Kruzifix so fest, dass die Knochen hervortraten. Erschöpft ließ sich die Gruppe nieder. Niemand sprach. Nur das Rauschen des Meeres war zu hören. Plötzlich schrie der Priester auf: „Oh, Gott! Warum hast Du uns verlassen?“ Sein ganzer Schmerz lag in diesem Schrei. Er machte einen Schritt nach vorn. Noch ehe sie es sich versahen, ließ er sich mit ausgebreiteten Armen in den Abgrund fallen. Schweigend knieten sie nieder, unfähig ein Totengebet zu sprechen. Alles war verloren.

Seither sind Monde verstrichen, aber der Schmerz über die große Leere ist geblieben. Die Geister der Vergangenheit lauern in den dunklen Nischen und Gängen. Manchmal glaubt Leonardo, ein Wispern zu vernehmen: „Komm zu uns! Wir warten auf dich!“ Dann packt ihn eine tiefe Sehnsucht und er spürt das Leid wieder über sich kommen. Wie ein Ungetüm packt es ihn, um ihn zu verschlingen. Sein Haar ist darüber weiß geworden. Trübe blickt er auf das Blatt Pergament, das vor ihm liegt. In der kleinen Stube wird es dämmerig. Das Talglicht ist fast erloschen. Doch er nimmt es kaum wahr. Gedankenverloren betrachtet er den Gantenkiel, den seine rastlosen Finger hin und her drehen. Dabei fließt unbemerkt ein kleiner Tintenklecks aus der Röhre auf das feine, noch leere Pergament. Was geschah, muss dokumentiert werden für die Nachwelt und ihre Kindeskinder. Doch wo beginnen? „Ach“, seufzt er wehmütig, „könnte ich die Zeit zurückdrehen, als das Glück mir noch hold war, ich gäbe Jahre meines Lebens dafür!“

Er taucht die Feder in das Tintenglas. Vor ihm entstehen die Bilder einer lebendigen und farbenfrohen Stadt. Bevor ein Genueser seinen Fuß auf die Halbinsel setzte, beherrschten die Mongolen mit ihren kleinen, ausdauernden Pferden die Krim. Später gestatteten sie den Genueser Kaufleuten, unten im Süden eine Siedlung zu bauen. Darüber wusste sein Großvater, der die Stadt mitbegründet hatte, Wundersames zu berichten. Leonardo lauschte dem Alten andächtig und erfuhr viel über das wilde Reitervolk und den Handelsvertrag zwischen Genua und dem Mongolenkhan. Ach, Caffa, herrliches Kleinod am Schwarzen Meer! Die legendäre Seidenstraße, einer der wichtigsten Handelswege, führte an der Stadt vorüber. So blühte der Handel und mit ihm ein buntes Völkergemisch, denn der Hafen von Caffa öffnete seine Tore der Welt. Juden, Perser, Mongolen und Abendländer tummelten sich mittlerweile in der Stadt und lebten doch friedlich miteinander. 

Wie ein Vorhang öffnet sich vor ihm das Glück vergangener Tage. Er wuchs behütet heran. Obwohl sein Herz ihn zur feinen Kunst der Gedichte und Malerei zog, erfüllte er die Tradition seiner Familie und wurde Kaufmann in Caffa. Er spürt einen Stich im Herzen, wenn er an Caffa denkt, die Stadt, die ihm alles gab und alles wieder nahm. Er sieht sich an jenem denkwürdigen Tage als jungen Kaufmann beschwingt durch den Basar schreiten. Ein dringendes Anliegen führte ihn zufällig am Sklavenmarkt vorüber. Hier herrschte schon geschäftiges Treiben. Die Händler boten ihre menschliche Ware lautstark feil, indem sie körperliche Vorzüge der Sklaven priesen oder deren Fertigkeiten rühmten. Auf den Podesten standen mitunter nur vereinzelt oder auch in Gruppen Sklaven, denen man Fußketten angelegt hatte, damit sie nicht entfliehen konnten. In Scharen standen die Käufer davor, um die Angebote zu verfolgen oder dröhnend mit den Händlern zu feilschen. In diesem Augenblick verkaufte ein Händler zwei Kinder an einen reichen Bojaren. „Legt ein paar Goldmünzen drauf und ihr könnt die Mutter dazu bekommen!“, bot ihm der Händler beflissen an. Doch der Bojar winkte ab. „Was soll ich mit der Mutter? Ich kann sie nicht gebrauchen.“ Die Fußketten wurden gelöst, und der Bojar nahm die Kinder in Empfang. Als die Frau bemerkte, dass er nur die Kinder erworben hatte, begann sie ein großes Geschrei. Sie warf sich auf die Knie, umfasste die Beine des Händlers und flehte ihn an, sie nicht von ihren Kindern zu trennen. Aber er stieß sie mit den Füßen beiseite wie eine räudige Hündin. Die Kinder umklammerten sich schluchzend. Ungeachtet dessen packte der Bojar sie und zerrte sie roh hinter sich her. Bald waren sie in der Menge verschwunden.

Leonardos Blick verdüsterte sich und er presste die Lippen zusammen. Sein Frohsinn war dahin.

 

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