Die Trophäe

Die Trophäe
© Barbara Naziri

Der 12. November 1910 war ein trister Tag. Dichter Nebel lag über Hamburg und kroch mit seiner Feuchte so manchem Passanten durch die Kleidung auf die Haut. Wer heute nicht ein dringendes Anliegen hatte, verließ gewiss nicht freiwillig das Haus. Darum warteten am Hauptbahnhof nur wenige Fahrgäste auf den Lokalzug.

Endlich Feierabend! Dr. Hinnerk Maus eilte, den Hut tief ins Gesicht gezogen, aus seiner Kanzlei am Ballindamm. Eigentlich brauchte er sonnabends nicht zu arbeiten. Doch da waren seine Gattin Elsbeth, ihr Dienstmädchen und der Hausputz. Um diesem Gräuel aus dem Weg zu gehen, verzog er sich jeden Sonnabend freiwillig, um Prozessakten zu wälzen oder sich mit Klienten zu beraten. Nun strebte er frohen Mutes dem Bahnhof entgegen. Gewohnheitsmäßig nahm er den um 17 Uhr 46 abgehenden Zug Richtung Altona, um heimzukehren in seine feudale Wohnung in Othmarschen. Der Zug war spärlich besetzt. Das Abteil zweiter Klasse, in dem er Platz genommen hatte, war leer. Schwer ließ er sich auf den Sitz plumpsen. Nach einem arbeitsreichen Tag freute Maus sich auf den wohlverdienten Feierabend. Elsbeth würde ihm heute Abend seine Lieblingsspeise kredenzen, Hamburger Aalsuppe und danach sein geliebtes Labskaus. Er schmunzelte vergnügt und rieb sich insgeheim den feisten Bauch. Was ihre Kochkunst betraf, war sie ein Goldstück. Seine Hand tastete unter den Mantel. Ungeduldig zog er an der goldenen Kette, die an seiner Weste klemmte. Wohlgefällig betrachtete er die Taschenuhr. Ein schönes Stück. Auf dem Deckel war ein Wappen eingraviert, zwei Löwen die sich aufrecht gegenüber standen und ein Herz in ihren Pranken hielten. Triumph leuchtete in seinen Augen, während er die Hand um die Uhr schloss. Elsbeth hatte die Uhr erst letztens bewundert und ihn nach ihrer Herkunft gefragt. Neugierige Elsbeth. An ihrer Seite war er im Laufe der Jahre fett und phlegmatisch geworden. Aber glücklich? Seine Mundwinkel verzogen sich. Ein Schatten huschte kurz über sein Gesicht. Man konnte nicht alles haben. Unwillkürlich machte er eine wegwerfende Handbewegung und lehnte sich zurück. Sein Magen knurrte. Er erhob sich und blickte aus dem Fenster. Wollte der verdammte Zug denn heute gar nicht abfahren? Er hielt eh schon alle 10 Minuten. Maus schlug die Zeitung auf und vertiefte sich in die Boulevardmeldungen. 

Mit dem Abpfiff stieg ein elegant gekleideter junger Mann ins Abteil und setzte sich grüßend dem Anwalt gegenüber. Maus erwiderte den Gruß und musterte den Fremden unauffällig. Er war von schöner Statur, sein Gesicht eher gewöhnlich bis auf die großen Augen, die ihm einen kindlichen Ausdruck verliehen. Oha, welch himmelblaue Augen, dachte Maus. Er schaut aus wie der personifizierte Unschuldsengel. Ein Grinsen stahl sich bei dem Vergleich auf seine Lippen. Dabei grübelte er, ob er dies Gesicht nicht schon mal irgendwo gesehen hätte. Diese Augen. Aber er begegnete tagtäglich vielen Menschen. Woher sollte er diesen Jungen, der bestimmt noch keine Zwanzig war, kennen? Er schenkte ihm weiter keine Beachtung und blätterte interessiert in seiner Zeitungslektüre. Dabei stieß er auf einen Artikel, der ihn vollends beanspruchte.

Klaas Mangold saß ihm gegenüber und blickte aus dem Fenster. So nah war er Maus nie zuvor gewesen. Heute war der Tag. In seiner Tasche verbarg er ein Fleischermesser, dessen Klinge er sorgfältig geschärft hatte. Mangold war keineswegs ein Verbrecher, sondern bis zu diesem Augenblick ein harmloser Mensch, wenn man von dem Hass absah, der in ihm loderte. Sehnsüchtig hatte er auf diese Gelegenheit gewartet, um das Feuer zu löschen, das ihn innerlich verbrannte. Beflissen vermied er, den Anwalt zu mustern, aus Sorge, sein Gegenüber würde den Abscheu spüren, der ihn beherrschte. Der Zug setzte sich in Bewegung. Sacht glitt seine Hand in die Tasche und strich mit den Fingerspitzen über den Griff des Fleischmessers. Mit dieser Waffe würde er den honorigen Anwalt töten.

Gleichgültig war ihm sein Vorhaben nicht. Kurz quälte ihn der Zweifel. Im Geiste sah er seine Mutter vor sich, ihren traurigen Blick. Da war er wieder, der Schmerz. Er biss die Zähne zusammen. Der Moment des Jammers ging vorüber. Der Dämon hatte ihn wieder. Nur einen gezielten Stich braucht es, um deinem Opfer den Garaus zu machen. Willst du alles auf sich beruhen lassen?

Mittlerweile lief der Zug im Bahnhof Dammtor ein. Ein kurzer Halt. Niemand stieg zu und die Fahrt durch die Dämmerung ging weiter. In diesem Moment zog Hinnerk Maus seine Uhr aus der Weste und warf einen Blick darauf, um sich fortan aufmerksam dem Zeitungsartikel zu widmen. Klaas Mangold hatte gebannt auf das kostbare Stück gestarrt. Er war so angespannt, dass er mit den Zähnen knirschte. Die Zeit wurde knapp. In Altona, der nächsten Station gedachte er auszusteigen. Ihm blieben nur wenige Minuten. Klaas überlegte nicht weiter. Jetzt oder nie. Anwalt Maus saß noch immer ruhig, seine Zeitung lesend in einer behaglichen Polsterecke. Auf Klaas Stirn bildeten sich Schweißtropfen. Mit zitternden Fingern griff er in seine Tasche. Fest umschloss seine Hand den Griff der Waffe und das Zittern ließ nach. Jetzt. Im gleichen Moment zog er das Messer hervor, holte aus und stieß mit ganzer Kraft zu. Tief drang das Messer in die Brust des Anwalts, verfehlte knapp das Herz und bohrte sich in seine Lunge. Der aufgeschlagene Artikel „Versteigerungen/Auktionen“ glitt zu Boden. Entsetzt öffnete Maus den Mund. Blut quoll hervor. Doch kein Wort kam über seine Lippen. Nur ein schauriges Röcheln. Das Letzte, was er sah, waren die hasserfüllten Augen seines Mörders, die ihm so unschuldig erschienen waren. Lautlos sackte der Anwalt vom Sitz. Gebeugt starrte der Mörder auf sein Opfer. Das Röcheln wurde leiser, verebbte. Da packte er das Messer und zog es mit einem Ruck aus der Wunde. Blut quoll hervor, besudelte seine Hände und seine Kleidung. Angeekelt verharrte er einen Moment. Da fiel sein Blick auf die Taschenuhr, die dem Toten aus der Weste geglitten war. Sofort kniete er nieder und nahm sie mit bebenden Händen an sich. Als er an der Kette zog, stieß er auf die gut gefüllte Geldbörse. Auch sie steckte er ein. In diesem Augenblick ertönte ein Pfiff. Der Zug erreichte die Station Altona. Der Mörder schnellte hoch, öffnete eilends die Abteiltür und sprang hinaus. 

An der Sperre fiel er dem Billettschaffner auf.

„Sie sind ja überall mit Blut bespritzt!“, rief ihm der Schaffner entsetzt zu.

„Ich hatte starkes Nasenbluten“, antwortete Klaas Mangold höflich und eilte weiter, ohne sich noch einmal umzuschauen. Der Schaffner sah ihm kopfschüttelnd nach. Einen Raubmörder hätte er nie in ihm vermutet. Klaas flüchtete in eine Bedürfnisanstalt. Hier wusch er sich die Hände und säuberte seine Kleidung, so gut es ging. Das Waschbecken färbte sich rot und Spritzer trafen die weißen Kacheln. Auch auf dem Boden bildeten sich mit Blut getränkte Wasserlachen. Dafür hatte Klaas keinen Blick. Er öffnete die Geldbörse. Viele Goldstücke blinkten ihm entgegen. Mit zusammengepressten Lippen musterte er das kleine Vermögen. Wie gerne hätte er es Mutter gegeben... Gleichgültig steckte er das Portemonnaie in die Hosentasche. Behutsam nahm er die Uhr in seine Hand und streichelte mit dem Daumen den Deckel. „Mein Pfand für alle Zeit“, murmelte er. Genugtuung leuchtete in seinen Augen. 

Zu Fuß machte er sich auf den Heimweg. Das Messer ließ er unterwegs von einer Brücke in ein Fleet fallen. Bald darauf langte er in seiner Altonaer Wohnung an. Er schlich sich in sein Zimmer, ohne seine Wirtsleute, die in der Stube saßen, zu begrüßen. Die Nacht war hereingebrochen. Der junge Mann kleidete sich aus und legte sich zu Bett. Von Schlaf war jedoch keine Rede. Sein wilder Hass war geschwunden. Plötzlich brach er in Tränen aus. Das unglückliche Opfer geisterte durch seine Sinne. Der Gedanke, zum Mörder geworden zu sein, belastete ihn schwer. Aber er wusste, er würde es wieder tun. Immer wieder. Die erlittene Schmach wog schwerer als die Tat. 

In der Zwischenzeit wurde am Bahnhof Altona die Untat entdeckt, kaum dass der Mörder die Station verlassen hatte. Bei einem Kontrollgang sah ein Schaffner Blut aus dem Abteil sickern und entdeckte bestürzt das getötete Opfer. Er eilte hinaus und schlug Alarm. Sofort lenkte sich der Tatverdacht auf den jungen Kerl, der blutbefleckt in Altona ausgestiegen war. Der Mord erregte großes Aufsehen, zumal es sich bei dem Opfer um einen bekannten Anwalt handelte.

Noch am selben Abend wurde die Polizei fieberhaft tätig, um den Täter zu ergreifen. Überall prangten Plakate. In einem öffentlichen Aufruf erging eine ungefähre Beschreibung des Mörders. Für seine Entdeckung wurde eine Belohnung von eintausend Mark ausgesetzt. Auch die Wirtin von Klaas Mangold wurde aufmerksam.

„Schau mal, Edgar!“, rief sie ihren Mann, während sie mit den Händen wedelte, „diese Beschreibung passt genau auf unseren Untermieter!“

„Wie kannst du so etwas behaupten!“, brummte der Hausherr unwillig. “Schau ihn dir an. Klaas Mangold ist ein junger, stiller Mann, der schon genug Unglück erlebt hat. Er zahlt pünktlich den Mietzins und benimmt sich stets solide. Die Ähnlichkeit ist reiner Zufall.“

Indessen wälzte sich Klaas auf seinem Lager umher. Der Schlaf floh seinen Augen, denn sobald er sie schloss, sah er die blutüberströmte Leiche des Anwalts vor sich. Der kalte Schweiß brach ihm aus. Verzweifelt bekämpfte er die aufkeimende Angst, die immer mehr Gewalt über ihn gewann. Erst gegen Morgen sank er in einen erschöpften Schlaf. Ein Klopfen an der Tür ließ ihn erschrocken hochfahren. Seine Wirtin trat ins Zimmer, um ihn zu wecken. „Guten Morgen, Herr Mangold! Es ist ein wunderschöner Sonntag. Schauen Sie mal hinaus, wie herrlich die Sonne heute lacht! Nun ist es Zeit zum Aufstehen. Das Frühstück ist gerichtet.“ Schlaftrunken rieb er sich die Augen.

„Haben Sie von dem entsetzlichen Raubmord schon gehört?“, fragte sie ihn neugierig. „Gestern am frühen Abend ist er geschehen. Im Eisenbahnzug zwischen Hauptbahnhof und Altona“, fügte sie wichtig hinzu. „Die Polizei hat noch in der gleichen Nacht einen Aufruf begonnen. Auf die Ergreifung des Mörders ist eine Belohnung von eintausend Mark ausgesetzt.“

Klaas wich die Farbe aus dem Gesicht. Schlagartig breitete sich eine Eiseskälte in ihm aus. Die mühsam unterdrückte Angst kroch erneut in ihm empor. Kein Wort brachte er über die Lippen. Doch die Wirtin glaubte, es sei der Schreck über die Nachricht. Mit den Worten: „Schauen Sie doch mal aus dem Fenster. In der Stadt herrscht ein richtiger Aufruhr“, verließ sie sein Zimmer. Sofort sprang er aus dem Bett. In Windeseile kleidete er sich an. Sodann stürzte er zum Fenster und riss es auf.

Unten auf der Straße standen die Menschen in Gruppen beieinander und palaverten über den Raubmord. Eine beleibte Dame schlug lebhaft die Hände zusammen und rief empört aus: „Wie können wir sicher sein, wenn sich ein Mörder schon in den Zug schleicht!“ Hinter ihr umlagerte eine dichte Menschentraube eine Litfaßsäule. Darauf prangte ein großer Aushang, eigenhändig vom Polizeipräsidenten unterzeichnet. Die Bürger wurden darin aufgefordert, sich an der Suche des flüchtigen Mörders zu beteiligen. Es folgte eine ausführliche Beschreibung des mutmaßlichen Mörders. Jemand las laut vor: „Auf die Ergreifung des Mörders hat die Witwe Elsbeth Maus eintausend Mark Belohnung ausgesetzt.“ 

Entsetzt schlug Klaas das Fenster zu. Zwei Tage saß er grübelnd in seinem Zimmer. „Du bist ein Mörder!“, hämmerte es unablässig in seinem Kopf. Der kleine Raum erschien ihm plötzlich wie ein Käfig, in dem er wie ein gefangenes Tier auf und ab wanderte. Seine Schuld drohte ihn zu ersticken. Schließlich ertrug er die Enge nicht mehr. Die Rastlosigkeit trieb ihn gegen Abend hinaus. Ziellos irrte er durch die Straßen. Sobald er von Ferne einen Schutzmann gewahrte, schrak er zusammen und wich ihm aus.

Klaas Mangold trieb es hinunter zum Hafen. In die nächstbeste Spelunke kehrte er ein. Alkoholdunst und Zigarettenqualm schlugen ihm entgegen. An der Theke grölten ein paar angetrunkene Seeleute ein paar Shanties, während ein anderer ein Schifferklavier malträtierte. Kaum hatte Klaas sich in eine Ecke gesetzt, da gesellten sich ein paar Saufkumpane zu ihm und biederten sich bei ihm an. „Ach“, dachte Klaas, „vielleicht kann ich wenigstens hier ein wenig vergessen und auf andere Gedanken kommen. Besser als allein im Zimmer ist es allemal.“ Also spendierte er jedem ein Bier. Schnell hatten die Schlitzohren herausgefunden, dass es hier mehr zu holen gab. Sie überredeten ihn, weitere Lagen auszugeben. Klaas spürte bereits einen leichten Rausch und bekam glasige Augen. Doch weder Bier noch die fröhlichen Trinklieder konnten das Bild auslöschen, das sich in ihm eingebrannt hatte: Ein blutbesudelter Körper, ein verzerrtes Gesicht, dessen Ausdruck sich in ein hämisches Grinsen verwandelte, je mehr er trank.

„He, sag mal, woher hast du so viele Goldstücke?“, fragte ihn einer.

„Habbich beim reichen Onkel verdient“, brabbelte Klaas, verwundert, dass ihm die Stimme nicht so richtig gehorchte.

„Hach, so ’n Onkel hätte ich auch gerne! Pass bloß auf, dass sie dir keiner klaut!“, feixte ein anderer.

„Das wird niemand wagen, denn dann haue ich ihn dot!“

Sie stutzten und brachen dann in brüllendes Gelächter aus.

„Du halbe Portion!“, höhnte einer. „Wie willste das denn fertig bringen?“

„Mit nem Messer. Nur scharf muss es sein. Dann isses ganz einfach.“ Klaas erhob sich schwankend.

Stille. Alle blickten ihn an.

Unvermittelt zog ihn einer zurück auf den Stuhl und hob sein Glas: „Ach, lasst ihn, der Jung weiß nicht, was er redet. Der is sternhagelvoll.“

Munter zechte die Gruppe weiter. Noch manches Bierchen floss aus dem Zapfhahn, bis Klaas zu fortgeschrittener Stunde mit unsicherer Hand die Taschenuhr zog, um einen Blick darauf zu werfen. Es war bereits nach Mitternacht. Aber er verspürte immer noch keine Müdigkeit.

„Was hast du denn da für ’ne Uhr?“, fragte ihn ein Saufkumpan. „Die is ja ein Vermögen wert!“

Sofort beugten sich einige mit großen Augen zu ihm hin, um den kostbaren Gegenstand in Augenschein zu nehmen.

„Sie gehört mir“, murmelte Klaas.

„Lass doch mal sehen“, rief einer. Als hätte er ihn nicht verstanden, ließ er die Uhr in seine Westentasche gleiten. „Atschüs, ich mach mich mal davon. Es is schon spät…“ Er erhob sich schwankend und verließ unter manch argwöhnischem Blick taumelnd die Kneipe. 

Auf der Straße traf ihn die Ernüchterung wie ein Schlag. Sein Körper schwankte leicht vom Alkohol, aber seinen Geist konnte er nicht betäuben. Wie ein Schatten begleitete ihn seine Tat, wohin er auch ging. Zu Hause warf er sich, so wie er war, erschöpft auf sein Lager und harrte auf einen traumlosen Schlaf. Gegen Morgen übermannte ihn endlich die Müdigkeit. Noch hatte er keine Stunde geschlafen, da pochte es heftig an seine Zimmertür. Im gleichen Zuge trat Polizeiinspektor Tangermann in Begleitung von zwei Schutzleuten ein. Er baute sich vor seinem Bett auf. „Klaas Mangold! Erheben Sie sich! Im Namen des Gesetzes, Sie sind verhaftet! Sie stehen im Verdacht, den Anwalt Dr. Hinnerk Maus heimtückisch ermordet und beraubt zu haben!“

Benommen ließ Klaas sich mit einer eisernen Kette die Hände auf den Rücken binden, während der Inspektor mit einem Schutzmann den Raum durchsuchte. Der zweite Schutzmann hielt neben ihm Wacht. Bald darauf führten sie ihn an seinen erschrockenen Wirtsleuten vorbei, geradewegs in die Polizeiwache.

Anfangs sprach Klaas kein Wort. Der Inspektor blieb hartnäckig. Er bombardierte ihn ununterbrochen mit Fragen. Klaas leugnete die Tat. Schließlich hielt ihm der Inspektor die Taschenuhr vor Augen, die man in seiner Kleidung entdeckt hatte. „Es hilft nichts, weiter zu leugnen. Diese Uhr ist Beweis genug, Herr Mangold. Nur der Täter konnte sie in seinen Besitz bringen.“ Da gab er auf.

Klaas war überrascht, wie sehr ihn sein Geständnis erleichterte. Tangermann schob ihm eine Tasse Tee und ein Rundstück zu. „Warum nicht gleich so?“, fragte er ruhig. „So, nun fangen wir noch einmal von vorne an. Beginnen wir mit Ihrem Lebenslauf. Wann sind sie geboren, wo sind sie aufgewachsen, Namen ihrer Eltern…?“

Klaas holte tief Luft. „Also, ich bin am 2. September 1893 in Hamburg-Wandsbek geboren und protestantischer Religion. Mein Vater, Friedrich Mangold ist … war Kaffeeimporteur. Meine Mutter verstarb unlängst. Ich bin der einzige Sohn. Bis vor zwei Monaten habe ich noch das Johanneum besucht.“

„Sie sind 17 Jahre alt“, unterbrach ihn Polizeiinspektor Tangermann. „Wieso haben Sie die Schule abgebrochen?“

„Der Tod meiner Mutter. Ich konnte nicht mehr lernen.“

„Ein schwerer Lebenseinschnitt für einen jungen Mann. Aber wieso hat Ihr Herr Vater das zugelassen und warum leben Sie nicht mehr zu Hause?“

„Mein Vater sitzt in Haft. Im Gefängnis Fuhlsbüttel. Das Haus, das Vermögen – alles ist verloren. Spekulanten haben meinen Vater in den Ruin getrieben. Er ist unschuldig.“

„Das behaupten alle“, sagte der Inspektor lakonisch.

Klaas sprang zornig auf, schrie: „Wo ist da die Gerechtigkeit? Er hat doch nichts verbrochen!“ Röte hatte sein Gesicht überzogen. Ein Schutzmann drückte ihn wieder auf seinen Stuhl.

„Mäßigen Sie sich, Herr Mangold“, fuhr Tangermann fort. „Es hat doch sicherlich eine ordentliche Gerichtsverhandlung gegeben.“

Klaas schwieg und blickte zu Boden.

„Wovon haben Sie gelebt?“, fragte ihn der Inspektor.

„Ich habe in dem Kolonialwarenladen von Herrn Wiechmann in der Stresemannstraße Arbeit gefunden. Da ich bescheiden lebte, konnte ich meinen Lebensunterhalt bestreiten. Kost und Logis haben mich nicht viel gekostet.“

„Woher hatten Sie die Tatwaffe?“

„Ich habe sie bei Herrn Wiechmann zuvor entwendet.“

„Das fiel nicht auf?“

„Nein! Ich hatte sie ja am gleichen Tag genommen. Außerdem verkauft er diverse Messer an Schlachtereien.“

„Warum haben Sie die Tat begangen?“

Klaas antwortete nicht.

„Sie sind ein junger Mann und haben sich bisher nichts zuschulden kommen lassen. Warum also?“

Klaas hielt den Blick gesenkt und presste die Lippen zusammen. Er wollte nicht mehr sprechen.

Da Klaas Mangold zur Zeit der Tat noch keine 18 Jahre alt war, wurde er nicht vor ein Geschworenengericht gestellt. Aufgrund dessen musste er sich vor der Altonaer Strafkammer am 3. Februar 1911 wegen Mordes und Raubes verantworten. Überrascht musterte der Richter den jungen Raubmörder, der mit gefesselten Händen auf die Anklagebank geführt wurde. Junge, fast kindliche Gesichter waren ihm nichts Neues in seinem Berufsleben, aber sie erstaunten ihn immer wieder. Hier stand ein junger Mensch vor ihm, der besonders durch seine feinen Manieren und die Vornehmheit seines Auftretens angenehm auffiel. Auch seine Sprache klang gewählt und klar. Allgemein fiel es schwer zu verinnerlichen, dass hier ein kaltblütiger Raubmörder vor Gericht stand. Nachdem die Lebensumstände geklärt schienen, ging der Richter auf den Tathergang ein.

„Sie bestiegen am 12. November 1910 um 17 Uhr 26 den Zug, in dem das Opfer saß. Sie setzten sich ihm gegenüber. Hatten Sie anfangs vor, das Opfer nur zu berauben?“

„Nein. Ich wollte Maus nur töten.“

„Wie soll ich das verstehen? Kannten Sie ihn persönlich?“

„Nein, persönlich kannte ich ihn nicht.“

„Warum wollten Sie ihn dann töten?“

„Er hat mir das Elternhaus genommen, meine Familie zerstört.“

„Ich verstehe Sie nicht. Erklären Sie mir das bitte genauer!“

„Dr. Hinnerk Maus hat meinen Vater ins Gefängnis gebracht, obwohl er unschuldig war.“

„Angeklagter, wie kommen Sie auf diese Vermutung?“

„Das ist eine längere Geschichte.“

Der Richter stützte die Arme auf und legte die Fingerspitzen aneinander. Eindringlich blickte er den Angeklagten an.

„Erzählen Sie. Wir haben Zeit, uns alles anzuhören.“

„Ich muss da mal ein bisschen ausholen. Mein Vater wurde am 12. Juli letzten Jahres zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er nicht in der Lage war, seine Schulden zu begleichen. Sein Geschäft war bankrott, Haus und Vermögen waren durch eine Spekulation verloren. Anwalt Maus vertrat ihn diesbezüglich vor Gericht. Das Gericht sprach meinen Vater schuldig, da auch Zeugen auftraten, die seine Schuld bestätigten. Anwalt Maus schien nicht in der Lage, den Richter milder zu stimmen. Bis zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nichts.“ Er schwieg und biss sich auf die Lippen.

„Fahren Sie fort“, ermunterte ihn der Richter.

„Als mein Vater verurteilt wurde, brach meine Mutter zusammen. Von diesem Tag an verließ sie das Haus nicht mehr. Sie aß kaum und zog sich immer mehr zurück. Am 7. September hat sie sich vergiftet.“ Seine Stimme brach. Er hielt sich die Hände vor die Augen.

„Angeklagter, Sie sprechen hier von einem Familiendrama. Das ist tragisch, aber was hatte Dr. Maus damit zu tun?“

Klaas fasste sich und fuhr fort: „Ich fand einen Abschiedsbrief von meiner Mutter. Er war an mich gerichtet und ziemlich lang.“ Eine Pause entstand.

„Wollen Sie uns über den Inhalt unterrichten?“

„Ja, Herr Richter. Er ist der Anlass für meine Tat.“

„Fahren Sie fort.“

„Meine Mutter schrieb in diesem Brief, dass ihr Hinnerk Maus kein Unbekannter war. Als junge Frau sei sie die Verlobte des damaligen Referendars gewesen. Sie habe dann das Verlöbnis gelöst, als sie meinen Vater, Friedrich Mangold, kennen gelernt hatte. Hinnerk Maus habe ihr seinerzeit geschworen, dass sie das bitter bereuen werde. Doch all die Jahre geschah nichts. Im Gegenteil, wenn sie sich auf irgendwelchen Festivitäten begegneten, war der Umgang gesittet und freundlich. Hinnerk Maus hatte inzwischen auch geheiratet.“

„Kommen Sie zum Punkt, Angeklagter.“

„Letztes Jahr saß mein Vater Betrügern auf und verlor sein ganzes Vermögen. Zufällig geriet er an Hinnerk Maus, der ihm anbot, ihn zu verteidigen. Nach einigen Bedenken und weil Anwalt Maus sehr beflissen schien, stimmte er zu. Meine Mutter war davon nicht angetan. Das war aber mehr ein ungutes Gefühl, wie sie schrieb. Maus hatte sich das Vertrauen meines Vaters erschlichen. Doch vor Gericht tat er alles, um meinen Vater noch mehr hineinzureiten. Die Zeugen, die auftraten, um den Leumund meines Vaters zu beschmutzen, waren ihm unbekannt und offensichtlich gekauft. Meine Mutter fand später heraus, dass alles eine Verschwörung war, um meinen Vater auch in den gesellschaftlichen Ruin zu treiben. Wie sich herausstellte, war Maus die treibende Kraft, aber sie hatte nichts in der Hand, um das zu belegen. Als mein Vater dann einsaß, hat sich Maus aus der Konkursmasse bereichert.“

„Aber das sind doch alles Mutmaßungen, Herr Mangold.“

„Nein, Herr Richter, wie meine Mutter schrieb, fehlten ihr nur die finanziellen Mittel, um dies zu belegen. Die gesellschaftliche Ächtung danach habe sie völlig gebrochen. Sie konnte mit der Schande nicht mehr leben. Darum hat sie sich vergiftet, nachdem sie dies alles niederschrieb. Ich beschloss, den Untergang unserer Familie zu rächen. Mir blieb nur dieser Weg. Wer hätte mir schon geglaubt. Alles war verloren.“

„Fahren Sie fort!“

„Ich begann, Anwalt Maus auszukundschaften. Mein Vorteil war, er kannte mich nicht persönlich. Nur einmal war ich unachtsam und lief ihm vor seiner Kanzlei über den Weg. Am 12. November hätte sich der Hochzeitstag meiner Eltern gejährt. Darum wählte ich diesen Tag. Ich wartete hinter einer Säule, bis er ins Abteil gestiegen war, und stieg erst beim Abpfiff zu. Als ich ihm gegenübersaß, haderte ich kurz mit mir. Nie zuvor habe ich jemandem ein Leid angetan. Auf einmal zog er die goldene Uhr hervor, die einst meinem Vater gehört hatte, ein Hochzeitsgeschenk meiner Mutter.“

Klaas Mangold blickt den Richter traurig an. Dann flüstert er: „Was ich tat, war schrecklich. Aber ich bereue nichts.“

 

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